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Bad Soden und die Flüchtlinge : „In was für einer Gegend wohnst du denn?“

Wie ein Nebel legte sich die Furcht zwischen die Häuser. Dann kam im September ein Fernsehteam vorbei und interviewte Bewohner des Hübenbuschs. Manche waren besorgt um die Flüchtlinge, manche sorgten sich vor allem um sich selbst. „Das sind alles Moslems. Und ich bin Christ.“ Mit ausgestrecktem Finger zeigten sie zum Horizont, wo die neue Schule und die Container gebaut werden sollten. „Eine Schule ist wunderbar. Die zahlen mal meine Rente. Die Kinder können gar nicht laut genug sein“, sagte eine Frau. Und auf die Anmerkung aus dem Off, dass Asylbewerber dagegen für sie wohl nichts brächten, sagte sie: „Nein.“

Andere Anwohner sprachen von Wohlstand, Dreck und Taliban. Der Bericht lief zur besten Sendezeit, im ganzen Land war Bad Soden nun bekannt. Und Arsima-Katharina Ghebrehiwet wurde von ihren Freunden gefragt: „In was für einer Gegend wohnst du denn?“

Es tat sich etwas in Bad Soden

Eigentlich in einer ganz schönen, fand sie bis dahin. Hier war die 21 Jahre alte Frau in den Kindergarten und zur Schule gegangen, hier wohnen viele Freunde. Ab und zu gab es auf der Straße einen blöden Spruch. „Da muss man drüberstehen“, sagt sie. Das hat sie von ihrem Vater, Yosef Ghebrehiwet, gelernt. Er kam vor 30 Jahren aus Eritrea nach Bad Soden, und auch er hörte so manchen dummen Spruch, weil er groß, dunkel und sein Haar so lockig war. Aber noch viel öfter half man ihm.

Nun hilft er, als Küster in Bad Soden, und als Freund von Emanuel und den anderen Flüchtlingen, die aus seinem Geburtsland in seine neue deutsche Heimat kamen. Schon kurz nach ihrer Ankunft im November nannten sie den Küster „Papa Yosef“. Er konnte ihre Sprache, Tigriniya, für die ein Mitteleuropäer eigentlich einen anderen Kiefer brauchte. Er half bei Behördengängen und dem Ausfüllen von Anträgen. Genau wie seine Tochter. Sie taten viel. Und fragten sich manchmal: Ist es genug?

Aber dann tat sich in Bad Soden wieder etwas. Erst war da Ratlosigkeit gewesen, nachdem der Bericht im Fernsehen gelaufen war. Daraus wurde Fassungslosigkeit. Und schließlich begann, was Rasa Vilgalys-Hiob „hands on“ nennt. „Das war unser großes Glück.“

Künftiger Heimatort für 100 Personen: An dieser Stelle unterhalb der Grundschule baut Bad Soden eine Flüchtlingsunterkunft.

Denn der Nebel aus Vorurteilen und Ängsten über Bad Soden hätte noch dichter werden können, das weiß auch sie. Vilgalys-Hiob ist Vorsitzende des Bad Sodener Ausländerbeirats. Geboren ist sie in Amerika, seit 27 Jahren lebt sie hier. Sie sagt: „Ich bin Ausländerin. Und ich bin Bad Sodenerin.“ Sie beschreibt, wie eine Art Zucken durch ihre Heimat ging. Denn nach dem Fernsehbericht trafen sich wieder einige Bürger, diesmal waren es 150. Sie sagten: „So, wie wir da dargestellt wurden, sind wir nicht.“

Es schien, als seien viele Bad Sodener über sich selbst erschrocken. Und dann doch wieder überrascht davon, was alles ging. Da war wieder dieser Tatendrang, nur diesmal ein guter. Nun schrieben die Bad Sodener keine Briefe mehr an die Kommunalpolitiker, in denen sie von überfüllten Mülleimern und geklauten Portmonaies sprachen. Jetzt spendeten sie Winterjacken.

Zu helfen sei eine Christenpflicht

Und Waschmaschinen. Eine davon steht in Emanuels Zimmer, in dem er schläft, isst, träumt und bangt. Als er es über die deutsche Grenze geschafft hatte, war er erst in die zentrale Aufnahmestelle für Flüchtlinge in Gießen gekommen, nach kurzer Zeit dann nach Bad Soden. Das war im November. Zwei Monate nach dem Fernsehbericht. Und zwei Monate, nachdem die Hilfswelle angerollt war. Ob er sich hier wohl fühle? Emanuel versteht die Frage erst nicht, er lässt sie von Arsima-Katharina noch einmal in Tigriniya übersetzen. „Ja, natürlich“, sagt er dann. Wie sollte er hier nicht glücklich sein?

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