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Atom-Moratorium : Vorerst müssen es Kohle und Erdgas richten

Die Bensheimer GGEW beteiligt sich an dem Windpark „Bard Offshore 1”. Das Bild zeigt einen Windpark in der Ostsee. Bild: dapd

Die Nachfrage nach Ökostrom steigt. So meldete es am Freitag die Bensheimer GGEW. Das Abschalten alter Atommeiler wirbelt die gesamte Energiebranche durcheinander.

          Die Nachfrage nach Ökostrom steigt. So meldete es am Freitag die Bensheimer GGEW. Seit Beginn der Woche hätten sich 2000 Verbraucher nach den Ökostromtarifen des Energieversorgers erkundigt. „Japan-Desaster erhöht Wechselbereitschaft“, teilte das Unternehmen mit und weiter, dass es bei der Energiewende ganz vorne dabei sein will: Die Aktiengesellschaft beteiligt sich an dem riesigen Windpark „Bard Offshore 1“, der gegenwärtig in der Nordsee entsteht. 80 Windräder, alle fast so hoch wie der Kölner Dom, sollen dort Strom erzeugen.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Bis dahin wird es allerdings noch dauern. Schlechtes Wetter hat den Bau der Anlagen 90 Kilometer vor Borkum verzögert, er wird erst Mitte 2012 fertig sein, ein halbes Jahr später als geplant. Dass der weitläufige Windpark mitten im Meer dereinst bis zu 1,6 Terawattstunden Strom im Jahr produzieren soll, allein die beiden Atommeiler in Biblis aber in besseren Zeiten für 20 Terawattstunden gut waren, zeigt zudem, wie groß der Kraftakt wird, wenn Deutschland das Atomzeitalter beenden will.

          Konventionelle Kraftwerke haben Reserven

          Vorerst reißt das Abschalten der in die Jahre gekommenen Kernkraftwerke eine Lücke, die vor allem durch Kraftwerke mit Kohle- oder Erdgasbefeuerung geschlossen wird. Denn während die Erzeugung aus erneuerbaren Energien nicht ohne weiteres hochgefahren werden kann – entweder weht der Wind, oder er weht eben nicht –, haben viele konventionelle Kraftwerke Reserven.

          Die absehbare Verringerung des Stromangebots hat den Preis bereits nach oben getrieben. Vor der Ankündigung der Bundeskanzlerin am Dienstagmittag, dass sieben Meiler abgeschaltet würden, kostete an der Börse in Leipzig eine Megawattstunde Strom zur Lieferung im zweiten Quartal 52 Euro, dann schnellte der Preis auf 61 Euro hoch. Inzwischen liegt er bei 59 Euro, immer noch ein Plus von gut einem Zehntel. Bei diesem Preis kann es rentabel sein, die Erzeugung in Kohle- und Gaskraftwerken auszuweiten, etwa in dem mit Steinkohle befeuerten Heizkraftwerk West der Mainova im Frankfurter Gutleutviertel. Es kann sogar, worauf in der Branche hingewiesen wird, für französische Kernkraftwerkbetreiber interessant sein, die Produktion zu erhöhen und den Strom in Deutschland zu verkaufen, soweit dies angesichts von Engpässen im Leitungsnetz an der Grenze möglich ist.

          Wettrennen zwischen verschiedenen Energieträgern

          Das ist jedoch nur die kurzfristige Folge des Abschaltens von Kraftwerken wie Biblis A. Mittelfristig wird es ein Wettrennen zwischen verschiedenen Energieträgern geben, die Lücke in der Stromproduktion zu schließen. Weil neue Kohlekraftwerke inzwischen als kaum mehr durchsetzbar gelten, richtet sich die Aufmerksamkeit vor allem auf mit Erdgas betriebene Anlagen, namentlich auf die effizienten Gas- und Dampfturbinenkraftwerke, bei denen auch die Abgase noch zur Stromproduktion genutzt werden.

          Die Strategie der Mainova in Frankfurt ist dabei typisch für das, was viele Versorger derzeit anstreben. Der Konzern gab im vergangenen Jahr bekannt, 500 Millionen Euro in die Energieerzeugung zu investieren. Davon sollen 250 Millionen in Windparks fließen, 100 Millionen in die Energieerzeugung mit Biomasse und 20 Millionen in Photovoltaik, aber eben auch 130 Millionen Euro in konventionelle Anlagen. Hier ist nach neuesten Informationen an die Beteiligung an einem mit Erdgas befeuerten Kraftwerk in oder bei Bremen gedacht. Schon vor Bekanntgabe dieses Programms hatte sich die Mainova mit 15,6 Prozent an einem 400 Millionen Euro teuren Gas- und Dampfturbinenkraftwerk in Irsching bei Ingolstadt beteiligt. Die Strategie der HSE in Darmstadt ist ähnlich; bei Irsching war dieser Energieversorger ebenfalls dabei.

          Erdgas erlebt Renaissance

          Das Erdgas erlebt eine Renaissance, weil sich der Markt in den vergangenen Jahren völlig verändert hat. In Amerika wird neuerdings Gas aus Tonschieferformationen ausgewaschen – 2009 haben die Vereinigten Staaten Russland als größten Gasproduzenten abgelöst. Die Nabucco-Pipeline vom Kaspischen Meer nach Westeuropa erhöht das Angebot weiter. Gaskraftwerke können außerdem schneller angefahren und abgeschaltet werden als Kohlekraftwerke, was sie als Ergänzung zur Windkraft nützlich macht. Überdies entsteht beim Verbrennen von Gas weniger Kohlendioxid als bei dem von Kohle.

          So könnte sich auch der Schwenk der Kraftwerke Mainz-Wiesbaden als klug erweisen, die auf der Ingelheimer Aue in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt erst ein Kohlekraftwerk errichten wollten, nun aber prüfen, ob dort ein Gas- und Dampfturbinenkraftwerk entstehen kann. Noch immer im Gespräch ist auch der Bau eines mit Erdgas betriebenen Kraftwerks in Frankfurt-Griesheim.

          Oft war nach der Ankündigung der Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke zu hören, dies verzögere den Ausbau der erneuerbaren Energien. Tatsächlich hat es eher den Bau von konventionellen Anlagen ausgebremst. Wirklich aufgelöst würde die Investitionsblockade erst, wenn Klarheit darüber herrschte, welches Atomkraftwerk noch bis wann am Netz sein soll – komme, was da wolle. Davon aber ist die Branche gegenwärtig weiter entfernt denn je. Manfred Köhler

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