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Archäologie-Tourismus : Auf den Spuren von Kelten und Römern

Sensation: Der in Lahnau-Waldgirmes gefundene römische Pferdekopf Bild: dpa

Im Gießener Land soll das kulturhistorische Erbe besser vermarktet und der Tourismus gefördert werden. Geplant sind Informationsschriften und Werbekampagnen über gastronomische Angebote, kulturelle Veranstaltungen bis zu Routenplanungen und der Ausweisung neuer Wanderwege.

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          Lahn und Lumda, Berge, Wälder, Wiesen und Seen: Naturfreunde, Wassersportler, Erholungssuchende wissen die Region um das mittelhessische Zentrum Gießen-Wetzlar zu schätzen. Zu bieten hat dieser Landstrich aber auch ein beachtliches kulturelles Erbe. Neben Burgen, Schlössern und Fachwerkstädtchen sind das vor allem Zeugnisse der frühen Siedlungsgeschichte. Aus dem, was Archäologen entdeckt und freigelegt, was Wissenschaftler und Restauratoren rekonstruiert haben, wollen Kommunen, Tourismusorganisationen und Wirtschaftsinitiativen mehr Kapital schlagen.

          Wolfram Ahlers
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

          Mit dem Projekt „Kelten und Römer im Gießener Land“ sollen in den kommenden Jahren Besucher in das westliche Gießener Umland gelockt werden. Unter Federführung der Wirtschaftsförderung beim Kreis Gießen ist eine Arbeitsgruppe entstanden, der Vertreter von einem halben Dutzend Städten und Gemeinden, von Fremdenverkehrswerbung und Gastronomie angehören. Das Vorhaben gliedert sich in verschiedene Sektoren – von der Herausgabe einer Informationsschrift und Werbekampagnen über gastronomische Angebote, kulturelle Veranstaltungen bis zu Routenplanungen und der Ausweisung neuer Wanderwege.

          Stadtanlage der Kelten

          Tatsächlich haben Kelten und Römer Spuren in diesem Teil Mittelhessens hinterlassen, die von Altertumsforschern aus dem In- und Ausland zu den bedeutenden in Deutschland gerechnet werden. Anlass für Grabungen schon vor fast hundert Jahren gab der Dünsberg mit seinem strategisch günstig gelegenen Plateau oberhalb des Lahntals. Die rund 500 Meter hohe Erhebung bei Biebertal zog schon vor mehr als drei Jahrtausenden erste Siedler an, später entstand dort, umgeben von mächtigen Ringwällen, eine keltische Großsiedlung, ein sogenanntes Oppidum. Mit einer Fläche von mehr als 90 Hektar zählen Wissenschaftler den Dünsberg zu den großen keltischen Siedlungen in Mitteleuropa.

          Reiterskulptur : Archäologische Sensation in Waldgirmes

          Herausgefunden hat man anhand von Funden zudem, dass es sich beim Oppidum auf dem Dünsberg wohl um die einzige Stadtanlage der Kelten in rechtsrheinischem Gebiet handelte, die so lange bestand, dass die Bewohner in Kontakt mit den römischen Besatzern kamen. Vermutlich kam es dort auch zu Kämpfen. Die Aufgabe einer der letzten Stätten der Kelten auf dem europäischen Festland steht offenkundig im Zusammenhang mit der Gründung eines römischen Verwaltungssitzes im nur wenige Kilometer entfernten Lahntal bei Waldgirmes.

          Wachtposten, Stützpunkte und Lager

          Für Aufsehen sorgte diese archäologische Stätte erst vor wenigen Wochen, als dort der Pferdekopf einer römischen Reiterstatue bei Ausgrabungen entdeckt wurde – ein Fund, der von Fachleuten als Sensation eingestuft wird. Von sich reden gemacht hat dieser Ort aber schon seit Anfang der neunziger Jahre, als Archäologen damit begannen, ein rund zwei Jahrtausende altes römisches Lager freizulegen und dabei auf die Grundrisse eines dort nicht vermuteten stattlichen Gebäudes stießen, ein Forum. Vermutlich wollten die einstigen Besatzer bei Waldgirmes eine größere Stadt anlegen, wozu es jedoch im Zusammenhang mit der römischen Niederlage in der Varusschlacht nicht kam. Als die Römer nach dem Rückzug später rechtsrheinische Gebiete zurückeroberten, hatten sie das Interesse am Stützpunkt Waldgirmes offenkundig verloren. Denn der später in diesem Gebiet errichtete Limes verläuft auf einer anderen Strecke und schließt die Anlage nicht mehr ein.

          Vom Obergermanisch-Raetischen Limes als größtem Bodendenkmal in Deutschland verläuft ein vergleichsweise gut erhaltenes Stück durch das Gießener Land. Fast 25 Kilometer umfasst die Grenzbefestigung, die von mehr als zwei Dutzend Wachtposten, Stützpunkten und Lagern gesichert wurde.

          Nachbau eines Wachtturmes

          Diese archäologischen Stätten als Attraktionen für Besucher besser herauszustellen ist ein wesentliches Vorhaben des Projekts „Kelten und Römer im Gießener Land“. Geplant ist, einen Kelten-Römer-Pfad zum Dünsberg und zum römischen Forum Waldgirmes anzulegen, der mit dem neuen Lahnwanderweg verknüpft werden soll. Zur Finanzierung beitragen sollen außer Kreis und Anrainerkommunen auch die Europäischen Union.

          Neben Ringwällen und Resten von Wehrmauern veranschaulichen der Nachbau eines Keltentores oder eine rekonstruierte Pfostenschlitzmauer die einstige Bedeutung des Oppidums auf dem Dünsberg. In Waldgirmes kann das Grabungsfeld mit Fundamenten des Forums und eine Dokumentation archäologischer Arbeiten besichtigt werden. Vom Limes sind unter anderem Grenzmarkierungen erhalten geblieben, auch ist der Nachbau eines Wachtturmes zu sehen.

          Frühgeschichtliches Naschwerk

          Das Konzept sieht ferner vor, Besuchern Führungen zu den archäologischen Denkmälern und kulturhistorische Exkursionen anzubieten. Gedacht ist auch an kulturelle Darbietungen mit historischem Hintergrund oder Mitmachaktionen, die sich insbesondere an Jugendliche wenden. Die Gastronomie soll sich mit Speisen und Getränken aus der römischen Küche und nach keltischen Rezepten an der Aktion beteiligen. Bäckereien könnten den Keltenkringel ins Sortiment aufnehmen, eine Art frühgeschichtliches Naschwerk.

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