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Andrea Ypsilanti : Von der Spitze auf die hintere Bank

  • -Aktualisiert am

Feiert morgen ihren 60. Geburtstag: Andrea Ypsilanti Bild: Wonge Bergmann

Als „Tricksilanti“ und „Lügilanti“ musste sich Andrea Ypsilanti nach ihrem Sieg bei der Landtagswahl in Hessen 2008 bundesweit beschimpfen lassen. Morgen wird die ehemalige SPD-Landesvorsitzende 60 Jahre alt.

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          2008, das war das Jahr von Andrea Ypsilanti. Elf Monate zwischen Himmel und Hölle – und am Ende der spektakuläre Absturz. Im Januar jenes für Hessen insgesamt denkwürdigen Jahres gewann die SPD-Landesvorsitzende mit ihrer Partei acht Prozentpunkte hinzu und führte sie fast auf Augenhöhe mit der CDU unter Ministerpräsident Roland Koch. Ypsilantis Leidenschaft und Glaubwürdigkeit ließen den von ihr im Wahlkampf versprochenen „Politikwechsel“ plötzlich möglich erscheinen, allerdings um einen hohen Preis.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Da es für Rot-Grün allein keine Mehrheit gab und sich die FDP einer Zusammenarbeit strikt verweigerte, setzte die SPD-Chefin auf eine von der Linkspartei unterstützte rot-grüne Minderheitsregierung, eine Option, die sie im Wahlkampf dutzendfach kategorisch ausgeschlossen hatte. Als „Tricksilanti“ und „Lügilanti“ musste sich die strahlende Wahlsiegerin daraufhin bundesweit beschimpfen lassen, ihr Rückhalt bröckelte, und am Ende scheiterten ihre Ambitionen an vier Abweichlern aus den Reihen der eigenen Landtagsfraktion.

          Nur noch eine von vielen im Landtag

          Ypsilantis Karriere zerbrach an ihrem Wortbruch, den sie zwar eingestanden, aber mit dem Hinweis zu rechtfertigen versucht hatte, dass sie auch bei anderen, insbesondere inhaltlichen Festlegungen zur Sozial-, Schul- und Energiepolitik, im Wort stehe. Von einer Woche auf die andere rückte die Frontfrau in den Hintergrund, Thorsten Schäfer-Gümbel, bis dato Hinterbänkler im Parlament, übernahm die Aufgabe, die Sozialdemokraten in die Anfang 2009 anstehende Landtagsneuwahl zu führen und sie nach dem dabei erlittenen Absturz anschließend wieder regierungsfähig zu machen.

          Ypsilanti verzichtete auf Partei- und Fraktionsvorsitz und ist seitdem nur noch eine von vielen im Landtag. Seit Anfang 2014 leitet sie den wichtigen, aber wenig öffentlichkeitswirksamen Petitionsausschuss. Ihren Positionen ist die Frankfurterin treu geblieben, auch wenn sie diese seit ihrem Scheitern nicht mehr im Landtag vorträgt. 2010 war Ypsilanti Mitbegründerin des Instituts Solidarische Moderne und ist eine von fünf Vorstandssprechern dieser „Denkfabrik“ für gesellschaftliche Veränderungen, die Anstöße für ein „linkes Reformprojekt“ geben will.

          In Interviews wirbt die Sozialdemokratin unverdrossen für eine rot-rot-grüne Regierungskoalition im Bund und für eine „Umverteilung des enormen Reichtums“ in Deutschland und anderswo. Sie nehme an der Basis ihrer Partei eine Sehnsucht nach einer „Kehrtwende“ hin zu einem sozialen Europa und nach einer Abkehr von der Austeritätspolitik der jetzigen großen Koalition in Berlin wahr. „Es gibt ein großes Bedürfnis, wieder zu einer Idee einer sinnstiftenden Lebensweise zu kommen, also jenseits von Konsum, jenseits auch der Ausbeutungsverhältnisse, in denen viele im Moment auch arbeiten müssen“, sagte sie im Januar, als die SPD im Bund noch vom heutigen Außenminister Sigmar Gabriel geführt wurde.

          Morgen feiert die im Rüsselsheimer Stadtteil Königstädten aufgewachsene Mutter eines erwachsenen Sohnes, die als Studentin in die SPD eintrat, ihren 60. Geburtstag. Dem nächsten, im Herbst 2018 zu wählenden hessischen Landtag wird sie möglicherweise nicht mehr angehören.

          Rot-Rot-Grün jedoch ist in Deutschland kein Schreckgespenst mehr. Vielleicht, mag Andrea Ypsilanti mit Blick auf die Landtage von Thüringen und Berlin denken, war sie ihrer Zeit 2008 nur ein paar Jahre voraus.

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