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Alopecia areata : Jeden Tag andere Haare

  • -Aktualisiert am

Andrea Hürter berät inzwischen selbst Erkrankte Bild: Daniel Pilar

Am Wochenende treffen sich in Hünfeld Menschen, die an Kreisrundem Haarausfall leiden. Andrea Hürter ist eine von ihnen. Vor fünf Jahren hatte ihr Friseur sie auf eine kleine kahle Stelle an ihrem Hinterkopf aufmerksam gemacht.

          Ihr hellbraunes Haar trägt Andrea Hürter kinnlang, mit Pony. Am nächsten Tag kann es aber auch kurz und dunkel sein, mit aufgehellten Strähnchen. Und einen Tag später wieder etwas länger, dann in blond. „Ich wechsle inzwischen, wie ich lustig bin“, sagt die 46 Jahre alte Frau aus Rodgau herausfordernd. „Wenn ich schon gestraft bin, kann ich das ja auch ausnutzen.“

          Vor fünf Jahren hatte ihr Friseur sie auf eine kleine kahle Stelle an ihrem Hinterkopf aufmerksam gemacht, die ihr selbst noch gar nicht aufgefallen war. Die wachse sicher wieder zu, hatte sie damals gedacht, denn seit ihrer Jugend waren ihr immer mal wieder in kreisrunden Flecken Haare ausgefallen. Doch dieses Mal kam es anders: Nach und nach verlor sie erst die Kopfhaare, ein halbes Jahr darauf auch Augenbrauen und Wimpern. In dieser Zeit habe sie viel geweint, erzählt Hürter leise und setzt dann energisch hinzu: „Aber heute weiß ich, es gibt wirklich Schlimmeres.“

          Eine von mehr als einer Million Patienten

          Die Krankenschwester leidet unter Alopecia areata, dem Kreisrunden Haarausfall. Sie ist eine von mehr als einer Million Patienten in Deutschland, denen, vermutlich wegen einer fehlgeleiteten Reaktion des Immunsystems, stellenweise oder am ganzen Körper die Haare ausfallen. Auch Kinder sind davon betroffen. Die Ursache der Krankheit ist noch nicht erforscht.

          Viele Mitglieder des Selbsthilfevereins Alopecia Areata Deutschland kommen an diesem Wochenende beim Bundeskongress in Hünfeld zusammen. Der Kurs „Tücher binden – perfekt gemacht“ steht dort ebenso auf dem Programm wie zum Beispiel ein Vortrag zum „Aktuellen Stand der Krankenkassenerstattungen“ und zur progressiven Muskelentspannung. Prominenter Gast und Schirmherrin der Veranstaltung ist Rebecca Simoneit-Barum, bekannt als Iffi Zenker aus der „Lindenstraße“. Hürter fährt mit ihrem Mann Christoph und der elfjährigen Tochter Lena ebenfalls zu dem Kongress, hilft bei der Kinderbetreuung und berichtet Neuerkrankten von ihren Erfahrungen.

          „Mir selbst hat der Austausch mit Gleichgesinnten unheimlich gutgetan und ich habe viele praktische Tipps für den Alltag bekommen“, sagt sie. Zum Beispiel habe sie auf dem Kongress vor vier Jahren davon erfahren, wie angenehm Echthaarperücken seien, dass man mit ihnen auch Sport treiben könne, ohne Sorge, dass sie verrutschten. Denn anders als manch andere Patientin habe sie einfach nicht den Mut, ohne Haare auf die Straße zu gehen oder sich mit Glatze fotografieren zu lassen. „Und ich will nicht, dass andere Kinder, zum Beispiel wenn wir schwimmen gehen, meine Tochter fragen, warum ihre Mama denn keine Haare hat.“

          Vereinsmitglieder berieten sie auch zum Permanent-Make-up, mit dem sich dauerhaft Augenbrauen und Lidstrich nachzeichnen lassen. Schmerzhaft seien die Sitzungen bei der Kosmetikerin gewesen, die ihr beides tätowierte, erzählt Hürter. Aber nun könne ihr Make-up, das erst bei genauer Betrachtung erkennen lässt, dass Brauen und Wimpern fehlen, nicht mehr verlaufen oder verwischen.

          Perücke morgens auf und abends wieder ab - Alltag

          Während sich bei vielen Betroffenen nach einigen Monaten oder sogar Jahren Spontanheilungen einstellen und die Haare wieder wachsen, glaubt Hürter selbst aber nicht mehr daran. Mit Zinktabletten, Kortison-Spritzen und einer allergieauslösenden Tinktur, die das Immunsystem davon ablenken sollte, die Haarwurzeln anzugreifen, hatte sie zunächst noch versucht, der Krankheit entgegenzuwirken. Doch schließlich entschied sie sich, die Nebenwirkungen der aggressiven Mittel nicht dauerhaft in Kauf zu nehmen. Da ziehe sie lieber morgens die Perücke auf und abends wieder ab, das sei Alltag.

          Auch ihr Mann habe ihr geholfen, die Krankheit zu akzeptieren. „Wenn einer Frau die Haare ausfallen, bedeutet das nicht nur ein Selbstwertgefühl, das gegen null geht, sondern oft auch Partnerschaftsprobleme“, sagt Christoph Hürter. „Aber ich habe immer versucht, meiner Frau Rückendeckung zu geben und ihr zu signalisieren, dass sich für mich nichts ändert.“ Inzwischen meinen beide, dass sie die schlimmste Phase der Erkrankung gemeinsam gut durchgestanden hätten. Und Andrea Hürter findet sogar noch etwas Positives an ihrer Krankheit: „Viele Frauen entfernen sich ja mühsam die Achsel- und Beinhaare. Immerhin – das brauche ich nicht!“

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