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Tarek Al-Wazir : „Eine Art Flatrate für Bus und Bahn für 365 Euro“

„Letztlich geht es um die Mitarbeiter“: Tarek Al Wazir (Die Grünen) über den möglichen Verkauf von Opel Bild: Frank Röth

Der Verkehrsminister hat große Pläne: Er will bis zum Schuljahr 2017/18 ein hessenweites Schülerticket schaffen. Im Interview erklärt er, wie eine einfache Lösung aussehen soll.

          CDU und Grünen wollen laut Koalitionsvertrag die Einführung eines hessenweiten Schülertickets prüfen. Wann folgen Taten?

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wir haben mit guten Gründen zunächst mal von einer Prüfung gesprochen. Denn die Einführung eines Schülertickets ist schwieriger, als es auf den ersten Blick erscheint.

          Warum?

          Derzeit zahlen die Schülerinnen und Schüler in Hessen deutlich über 100 Millionen Euro im Jahr für die Fahrten zur Schule. Es gibt bereits heute die unterschiedlichsten Tickets und Angebote. Die sind aber ganz unterschiedlich, je nachdem, wo sie wohnen und welcher Verkehrsverbund den Bus oder die Straßenbahn vor Ort betreibt.

          Was gibt es da zu prüfen?

          Um ein landesweites Angebot machen zu können, müssen wir natürlich erst mal klären, was derzeit Sache ist: Wie viele Schüler fahren mit Bus und Bahn zur Schule? Welches Ticket nutzen sie im Moment? Bezahlen sie es selbst oder wird es vom Landkreis oder der Stadt erstattet, weil sie als Grundschüler weiter als zwei Kilometer oder als Schüler der Mittelstufe weiter als drei Kilometer von der Schule entfernt wohnen? Und was schießen die Kommunen derzeit dazu? Sie sehen, die Aufgabe ist komplex. Wir reden deshalb mit vielen Beteiligten, von den Schüler- und Elternvertretern über die Verkehrsverbünde bis hin zu den Städten und Kreisen. Diese Gespräche sind noch nicht zu Ende.

          Besteht denn Hoffnung?

          Ich glaube, dass wir eine Chance haben, ein landesweit einheitliches Schülerticket zum Schuljahr 2017/18 einzuführen.

          Wie soll dieses Ticket aussehen?

          Ich träume von einer ganz einfachen Regelung. Es soll für Schüler ein Ticket vom ersten bis zum letzten Schuljahr geben und für Azubis bis zum Ende ihrer Ausbildung. Mit dem Ticket soll man in ganz Hessen fahren können. Eine Art Flatrate für Bus und Bahn.

          Was soll es kosten?

          Wie gesagt, das wäre mein Traum: Als Jahreskarte 365 Euro, hessenweit gültig. Ein Schüler oder Azubi soll also für einen Euro am Tag in ganz Hessen unterwegs sein können. Jetzt müssen wir uns mit den Kommunen und Kreisen sowie mit den Verbünden auf eine Lösung einigen.

          Schon jetzt gibt es sogenannte Clevercards für Schüler und Auszubildende. Werden sie genutzt?

          Ja, die kreisweiten Clevercards werden genutzt, aber bisher von weniger als der Hälfte der Schüler. Für den Verzicht auf dieses Ticket gibt es in vielen Fällen eine gute Begründung. Wenn der Schüler zum Beispiel in fußläufiger Nähe der Schule wohnt, kaufen die Eltern keine Jahreskarte für ihr Kind. Aber ich bin fest überzeugt: Mit einem guten Angebot können wir die Quote deutlich erhöhen.

          Lohnt sich denn das geplante Schülerticket für jene, die schon jetzt mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren?

          Klar ist: Wer jetzt eine Erstattung bekommt, der soll auch künftig eine Erstattung bekommen. Und für fast alle anderen würde das neue Jahresticket für 365 Euro eine Verbilligung bedeuten, verbunden mit einer deutlichen Leistungsausweitung. Teilweise kostet die Jahreskarte, die bisher außer in den Ferien nur im Landkreis oder der Stadt gilt, heute mehr als 500 Euro. Von dem Ticket würden also gerade auch Familien mit vielen Kindern profitieren.

          Führt das Schülerticket am Ende nicht zu Einnahmeausfällen bei den Verkehrsverbünden und Kommunen?

          Das ist ein spannender Punkt. Wenn die Zahl der Nutzer gleich hoch bliebe, wäre das natürlich so. Wir gehen aber davon aus, dass durch den günstigen Preis von einem Euro am Tag und durch die Möglichkeit, mit dem Ticket dann in ganz Hessen fahren zu können, mehr Schüler das Ticket kaufen als bisher und dass es dadurch neben weniger Einnahmen durch die Preissenkung auch zu mehr Einnahmen durch mehr verkaufte Tickets kommt.

          Hoffen Sie auf einen Effekt wie in Frankfurt, wo die Zahl der Käufer deutlich stieg, nachdem die Stadt die Clevercard stark verbilligt hatte?

          Ja, wir haben uns das Frankfurter Modell genau angeschaut. Dort hat man ja das Jahresticket vor ein paar Jahren um 100 Euro verbilligt. Trotzdem waren die Fahrgeld-Ausfälle weit geringer, als sie rechnerisch hätten sein müssen. Denn dadurch, dass das Ticket preislich attraktiver wurde, haben mehr Schüler und Azubis zugegriffen. Das hat dann zu zusätzlichen Einnahmen geführt.

          Frankfurt subventioniert die Clevercard besonders stark. Ärmere Kommunen und Kreise können sich das aber kaum leisten. Haben Sie eine Lösung?

          Die Kreise und großen Städte sind in Hessen ja zuständig für die Schülerbeförderung. Natürlich erwarten wir von den Kommunen nicht, dass sie zusätzliches Geld für das künftige Schülerticket bereitstellen. Aber wir werden sicherstellen müssen, dass sie die Summen, die sie bisher für Erstattungen ausgeben, trotz Preissenkungen weiter bereitstellen, sonst wird die Finanzierung nicht funktionieren. Darüber werde ich im Laufe der nächsten Monate mit den Kommunen reden.

          Wird das Land etwas beisteuern?

          Natürlich wird es unterm Strich Geld kosten, wenn wir Angebote ausweiten und beispielsweise Oberstufenschülern oder Azubis ein teils deutlich günstigeres ÖPNV-Ticket als bislang anbieten. Uns ist bewusst, dass wir als Land dort unseren Beitrag leisten müssen. Wir rechnen mit einer Summe von jährlich etwa 20 Millionen Euro. Im gerade vom Kabinett beschlossenen Haushalt 2017 haben wir für die zweite Jahreshälfte auch schon Mittel vorgesehen. Wir sind also bereit, viel Geld in die Hand zu nehmen, und hoffen, dass die Chance für die Einführung dieses Tickets ergriffen wird. Die schönsten Träume sind doch die, die in Erfüllung gehen.

          Die Fragen stellte Hans Riebsamen.

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