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Agrar-Familie des Jahres : Mit Fleisch und Eiern von den eigenen Weiden

Verkauft Fleisch und Eier nur im Direktvertrieb: Familie Fay vom Hof Obersteinberg aus Pohlheim Bild: Cornelia Sick

Die deutsche Agrar-Familie des Jahres lebt in Hessen. Auf ihrer Wiese wühlen Freilandschweine, alle Kinder arbeiten mit. Neue Ideen holen sie sich auch in Neuseeland.

          3 Min.

          Auf einer Weide grasen Kühe in der Sonne. Keine hundert Meter entfernt picken Hühner im Grün herum, mittendrin ein wachsamer Hahn. Alle paar Augenblicke hüpft Federvieh aus einer Luke am Fuß des Hühnermobils auf die Wiese, andere Hennen nehmen derweil nebenan den umgekehrten Weg. Turmhohe Bäume mit ausladenden Ästen spenden reichlich Schatten. Der Besucher lässt seinen Blick über das Gießener Becken mit zwei Burgruinen schweifen. Ein Limesturm steht nur wenige Fußminuten entfernt, hinter ihm erstreckt sich der nördliche Teil der Wetterau. Dort, zwischen Gießen und Butzbach, liegt der Hof der Familie von Peter Fay. Seit ein paar Tagen darf sie sich Agrar-Familie des Jahres nennen, gewählt von anderen Landwirten in ganz Deutschland. Dieses Votum hat Gewicht. Und außer dem Lob von Fachleuten gibt es noch 12 .000 Euro. Mit diesem Preisgeld lässt sich auf einem modernen Aussiedlerhof einiges anstellen.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Peter Fay heißt den Gast lächelnd und per Handschlag willkommen – und macht sich dann erst einmal auf die Suche nach Philipp, den älteren seiner beiden Söhne. Der, so meint der 51 Jahre alte Bauer, stehe für die junge Generation und sei der Richtige, um über die Ehrung zu reden. Philipp Fay hat Landwirt gelernt, dann ein paar Jahre studiert und gerade seine Bachelor-Arbeit vollendet. Der 25 Jahre alte, in Neuseeland weitergebildete Jungbauer taucht hinter einem Busch auf, der sich an eine Stallwand schmiegt. Dort tüftelt er mit seinem sechs Jahre jüngeren Bruder Thomas an einem Kasten, hinter dem sich die jüngste Technik des Hofs verbirgt: ein Rechner, der eine neue Getreidewaage steuert. „Früher habe ich die Menge so Pi mal Daumen geschätzt, das geht nicht mehr“, erläutert Peter Fay.

          Eine Geschichte des Wandels

          Waage und Computer stehen sinnbildlich für eine Geschichte des Wandels. Die Fays schreiben diese Geschichte aktiv, obschon sie auch von äußeren Einflüssen getrieben werden, dem dauernden Auf und Ab der Getreide- und Fleischpreise etwa. Der Wandel passt gut zum anhaltenden Trend der Regionalität: Verbraucher wollen zunehmend Lebensmittel aus ihrer Heimat konsumieren. Diesem Wunsch kommen die Fays nach. Fleisch, Wurst und Eier verkaufen sie direkt im eigenen Laden und in einem unweit des Hofs aufgestellten Automaten. Die meisten Kunden wohnen im Umkreis von 30 Kilometern um den von den Fays bewirtschafteten Hof Obersteinberg herum. „Wir haben auch Kunden aus dem Frankfurter Raum“, sagt Philipp Fay und fügt hinzu: „Die sozialen Medien sind gute Marketinginstrumente.“ Der 1906 gegründete Hof wird per Internet und Facebook über die Heimat hinaus bekannt gemacht. Zudem sind regelmäßig Kindergartengruppen, Schüler und Studenten zu Gast.

          Wetterfest: Freilandschweine auf dem Hof Obersteinberg

          Die Gäste stoßen auf Federvieh vor jenem Hühnermobil, das „Obersteinberger Hühnerparadies“ genannt wird. Sie erfahren, dass die 80 Weiderinder nur selbsterzeugtes Heu, Getreide- und Erbsenschrot sowie Gras-Silage als Futter bekommen und im Alter von zwei Jahren in dem nach EU-Vorgaben zertifizierten Schlachthaus auf dem Hof geschlachtet werden. Die Fays mästen auch Schweine. Anders als andere Bauern halten sie die Tiere nicht dauernd im Stall. Vielmehr tummeln die Schweine sich draußen.

          Ebenso wie die Getreidewaage nebst Rechner zählen die 20 Freilandschweine noch nicht lange zum Hof. Noch 2015 mästeten die Fays nur zwei Schweine, für den Eigenbedarf. Eines Tages fragten Kunden im Hofladen nach, ob sie auch Schweinefleisch kaufen könnten. Bis es so weit war, hatte die Bauernfamilie eine bürokratische Hürde zu nehmen. „Wir mussten eigens eine EU-Erlaubnis einholen, weil unser Schlachthaus vorher nur für Rinder genehmigt war.“

          Dabei besteht das Schlachthaus erst seit zehn Jahren. Den Hofladen hat die Familie erst vor zwei Jahren im Wohnhaus eingerichtet. 2015 und 2016 schaffte sie ihre beiden Hühnermobile an; jedes kostete 17 000 Euro. In den Vehikeln legen die insgesamt 480 Hühner ihre Eier ab. 35 Cent kostet hier ein Freilandei, zehn bis 15 Cent mehr als im Supermarkt. Doch die Kunden greifen beherzt zu: „Wir haben derzeit nicht genug Eier, um die Nachfrage zu bedienen.“

          Quad oder Pickup-Truck?

          Geht es nach Philipp Fay, stellt der Hof den Anbau des Getreides, das die Familie großenteils verkauft, künftig auf bio um, stockt den Rinder- und Schweinebestand kräftig auf und kooperiert mit einem Bäcker in der Region, der Fay-Getreide verarbeitet. Auch ein Online-Shop soll her. Zunächst baut die Familie aber einen neuen Hofladen und einen Rundweg um den Hof, um Gästen einen Einblick in die Produktion zu geben. 200 000 Euro soll das alles kosten. Da dürften die 12 000 Euro Preisgeld gerade recht kommen. Doch ist noch offen, wie die Familie das Geld verwendet. Philipp Fays Schwester Anne, die auch studiert, liebäugelt mit einem Quad – „so was hat sie bei Bauern in Neuseeland gesehen“. Er selbst will das Geld lieber für einen Pick-up-Truck ausgeben. Der alte macht es nämlich nicht mehr lange.

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