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Abhängigkeit : Süchtig am Computer

Familienministerin Kristina Schröder kennt sich aus im Internet - und ließ sich dessen Gefahren von der Wiesbadener Suchthilfe erklären Bild: dpa

Familienministerin Kristina Schröder kennt sich aus im Internet. Jetzt ließ sie sich dessen Gefahren von der Wiesbadener Suchthilfe erklären.

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          „Heroin kann man weglassen. Alkohol kann man auch weglassen. Aber auf Computer kann man nicht so einfach verzichten.“ So beschreibt die Sozialpädagogin Katharina Hellenbart einen Unterschied, der Suchttherapeuten vor größte Schwierigkeiten stellt. Eine an einen Stoff gebundene Abhängigkeit lässt sich im günstigsten Fall mit konsequenter Abstinenz durchbrechen. Das ist schon schwer genug, aber immer noch leichter, als der Versuch, von der Internetsucht loszukommen.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Denn den kompletten Verzicht auf Computer kann sich schon aus beruflichen Gründen kaum jemand erlauben. Die virtuelle Droge muss also weiterhin genommen werden. Daraus ergibt sich so etwas wie die Quadratur des Kreises. Die Therapie kann nicht die völlige Abstinenz zum Ziel haben, sondern muss den fortgesetzten Konsum unter Kontrolle bringen.

          Bundesfamilienministerin Kristina Schröder ist „internet-affin“

          Hellenbart, die zu den 19 fest angestellten Mitarbeitern des Wiesbadener Suchthilfezentrums zählt, hatte eine Zuhörerin zu Besuch, die keine Mühe hatte, das Phänomen zu verstehen. Kristina Schröder, Wiesbadener CDU-Bundestagsabgeordnete und Bundesfamilienministerin ist mit ihren 32 Jahren „internet-affin“. Sie selbst nutzt Plattformen wie Twitter und Facebook, um für sich und ihre Positionen zu werben. Dass das im Netz sehr genau registriert wird, zeigen die Reaktionen, die sich einstellen, wenn Schröder ein paar Tage lang keine Botschaften aussendet. Dann fragt die Community nämlich, ob die Ministerin inzwischen zurückgetreten sei oder Angela Merkel (CDU) ihr nur das Multifunktionshandy weggenommen habe.

          Schröder spricht von „sozialer Interaktion“, und Hellenbart bestätigt, dass diese Form der Diskussion von der pathologischen Internetsucht klar zu unterscheiden sei. Allerdings sind nicht nur Computerspiele gefährlich. Die Fachleute sprechen von einer Abhängigkeit, wenn Menschen regelmäßig so lange an ihrem Rechner sitzen, dass sie darüber ihre persönlichen Kontakte total vernachlässigen und ihnen das Leben in ihrer realen Umgebung nach und nach entgleitet.

          Weit verbreitete Verhaltenssucht

          Das Phänomen gilt zwar heute noch nicht offiziell als Krankheit, ist aber klar erkannt. Inzwischen ist es die am weitesten verbreitete Verhaltenssucht. Von 47 Klienten, die deswegen im vergangenen Jahr die Fachberatung des Suchthilfezentrums in Anspruch nahmen, litten 36 unter der exzessiven Nutzung des Computers. Drei Personen hatten Essstörungen, in fünf Fällen lag eine Kaufsucht vor, drei Mal wurde die Sucht nach Sex diagnostiziert.

          Die Menschen, die tagelang von ihrem Rechner nicht loskommen, beschreibt Hellenbart als relativ intelligent. Schließlich beherrschten sie mehrere parallel verlaufende, komplexe Prozesse und müssten dabei große Mengen an Informationen aufnehmen. Innerhalb von kürzester Zeit konzentrierten sie sich beispielsweise zunächst auf ein Computerspiel, um im nächsten Moment zu chatten und gleich anschließend im Netz einzukaufen.

          Computersüchtige eher untergewichtig

          Meistens sind junge Leute im Alter von 15 bis 27 Jahren betroffen. An der Universität Mainz gibt es eine Fachambulanz für Computerspielsucht. In die Wiesbadener Beratungsstelle kommen nach Hellenbarts Worten in vielen Fällen die Angehörigen. Der klassische Fall ist die Mutter, die sich Sorgen macht, weil der Sohn sein Kinderzimmer kaum noch verlässt und auch das Abendbrot nicht anrührt, das sie ihm neben den Computer stellt.

          Überhaupt ist das Bild von dem dicken Jungen, der zwischen den Verpackungen von Pommes und Burgern vor dem Rechner sitzt, ein Klischee. Computersüchtige seien eher untergewichtig, sagt Hellenbart. „Wer gerade den intergalaktischen Krieg gewinnen muss, hat keine Zeit zum Abendessen.“

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