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29.000 Briefe gestohlen : Bewährung für medikamentensüchtige Postbotin

  • Aktualisiert am

Statt sie ordentlich auszutragen, steckte eine Postbotin rund 29.000 Briefe, in denen sie Geld vermutete ein - und stapelte sie ordentlich zu Hause in Schränken Bild: dpa

Um die vielen Schmerzmittel zu bezahlen, wurde eine Postbotin zur Diebin. Tausende Briefe stellte sie nicht den Empfängern zu, sondern öffnete sie auf der Suche nach Bargeld und stapelte sie zu Hause. Jetzt wurde die 62 Jahre alte Frau in Gießen verurteilt.

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          Auf der Suche nach Bargeld hat eine Postbotin über Jahre hinweg tausende Briefe gestohlen. Nach Überzeugung des Amtsgerichts Gießen wollte die 62 Jahre alte Frau auf diese Weise ihre Medikamentensucht. Das Gericht verurteilte die Frau wegen Diebstahls und Verletzung des Postgeheimnisses zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und einer Geldauflage von 3000 Euro. Die Frau hatte die Sendungen zwischen September 2002 und August 2007 während ihrer Arbeit im Zustellbezirk Gießen eingesteckt - und ordentlich gestapelt zu Hause in Schränken gelagert.

          Ermittler fanden bei der Frau insgesamt 29.000 Briefe. In dem Prozess ging es aber nur um rund 8800 gestohlene Schreiben, meist Gruß- und Trauerkarten, aber auch Einschreiben. Dort vermutete sie Bargeld. Die restlichen Fälle gelten als verjährt. Die Frau, die nicht mehr für die Post arbeitet, legte ein Geständnis ab. Ihr Verteidiger erklärte: „Die Angeklagte bereut die Taten und schämt sich sehr.“

          „Wir müssen hier von Beschaffungskriminalität reden“

          Die Angeklagte war dem Vorsitzenden Richter zufolge nach einer schmerzhaften Erkrankung von Medikamenten abhängig. Bis zu 50 Tabletten habe sie am Tag eingenommen und dafür Geld gebraucht. „Wir müssen hier von Beschaffungskriminalität reden“, sagte er. Das Gericht hielt die 62 Jahre alte Frau für vermindert schuldfähig. Man dürfe die Taten aber nicht herunterspielen. Tausende Menschen seien geschädigt worden.

          Wie viel Geld die Angeklagte eingesteckt hat, wurde vor Gericht nicht geklärt. Auch nicht, warum es Jahre dauerte, bis die Post ihr auf die Schliche kam. „Darüber kann man nur spekulieren“, sagte die Vertreterin der Staatsanwaltschaft. Mehrere Zuschauer empörten sich auf den Gerichtsfluren: „Die Post schläft“, meinte einer.

          Appell an Zuschauer im Gerichtssaal

          Der Unmut richtete sich auch gegen die Angeklagte - so sehr, dass die Anklagevertreterin an die Zuschauer im Saal appellierte, der Angeklagten eine Chance zu geben. „Wir alle sind nicht davor gefeit, eine Dummheit zu begehen“, sagte sie.

          Immer wieder müssen Briefträger vor Gericht, weil sie Postsendungen nicht ordnungsgemäß abliefern. Im vergangenen September wurde bekannt, dass ein Briefträger im Landkreis Sigmaringen in Baden- Württemberg mehrere Tausend Schreiben unterschlagen hatte. In Bochum wurde im Dezember ein Postbote zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil er 1500 Briefe in Altpapiercontainern entsorgt hatte. Als Grund hatte er „Überforderung“ angegeben.

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