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2000 Jahre altes vergoldetes Fragment : „Sensationsfund“ in Wetzlar

  • Aktualisiert am

Unscheinbar, aber aufsehenerregend: Fragment einer Reiterstatue, dessen Oberfläche vergoldet wurde; es stammt etwa aus dem Jahr 10 nach Christi Geburt Bild: dpa

Einen bemerkenswerten Fund haben Archäologen bei Grabungen in Wetzlar-Dalheim gemacht: Ein 118 Gramm schweres und rund 2000 Jahre altes Bronzefragment, das Teil einer lebensgroßen vergoldeten Reiterstatue war. Der Archäologe der Universität Jena, Andreas Schäfer, nennt den Fund eine Sensation.

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          Auf den ersten Blick ist es nur ein Bruchstück: 118 Gramm schwer und so groß wie eine Handfläche - aber rund 2000 Jahre alt. „Dieses außen vergoldete Fragment aus Bronze ist ein Sensationsfund“, sagt Archäologe Andreas Schäfer. „Es gehört zu einer lebensgroßen Reiterstatue, die in einer römischen Siedlung im heutigen Lahnau-Waldgirmes gestanden hat, doch gefunden haben wir es im mehrere Kilometer entfernten Wetzlar-Dalheim, wo Einheimische wohnten, - das gibt uns Rätsel auf.“ Das Fragment ist eines von rund 20.000 archäologischen Fundstücken, die Schäfer und sein Forscherteam seit 2006 in Dalheim ausgegraben haben. Der allergrößte Teil davon sind Rückstände aus der frühen Eisenproduktion wie Schlacken.

          Seit 2006 nämlich erforscht der Wissenschaftler der Universität Jena mit Kollegen die frühe Eisenproduktion im mittleren Lahntal, sucht also nach Überbleibseln aus der Zeit zwischen dem ersten Jahrhundert vor und dem ersten Jahrhundert nach Christus. „Was wir hier machen, ist wahre Detektivarbeit, bei den Grabungen versuchen wir Spuren zu sichern, das ist wie eine Tatortbegehung“, sagt der 43- Jährige. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat die Förderung des Projekts vor kurzem bis 2010 verlängert.

          „Hier wurde Biogemüse angebaut, jetzt graben wir metertief“

          Wo die Archäologen Erdschicht um Erdschicht abtragen und nach Sachzeugen aus längst vergangenen Jahrhunderten suchen, war früher der Acker eines Biobauern. „Hier wurde Biogemüse angebaut, jetzt graben wir metertief“, sagt Schäfer. Dabei brachten die Forscher das Bronzefragment zutage. Zuerst untersuchten Schäfer, Grabungsleiter Bernhard Schroth und etwa zehn Studenten der Universitäten Jena und Marburg die Oberfläche der 15 mal 35 Meter großen Fläche. An zwei Stellen gab es auffällige Abweichungen vom Erdmagnetfeld, dort gingen die Archäologen dann mit Kellen und Schaufeln Stückchen für Stückchen tiefer. „Dass wir so viel finden, hätten wir nie und nimmer gedacht“, sagt Schäfer.

          Eine sogenannte Gewandspange aus Bronze, die bei Wetzlar gefunden wurde und aus dem ersten Jahrhundert vor Christus stammt

          Neben dem Bruchstück der Reiterstatue fanden sie: Mit Pflanzenmuster reich verschnörkeltes und für Südgallien typisches Geschirr, das die Einheimischen aus dem heutigen Dalheim von den Römern importierten, Keramikgefäße germanischen Ursprungs und einige vollständig erhaltene etwa zwei Zentimeter große Gewandspangen aus patinierter Bronze, sogenannte Nauheimer Fibeln. „Dass die so gut erhalten sind, ist schon extrem ungewöhnlich“, sagt Schroth. „Die Fibeln waren im ersten Jahrhundert vor Christus so eine Art Modeschmuck, mit der Männer wie Frauen ihre Gewänder zusammenhielten und die paarig getragen wurden“, sagt der Archäologe aus Marburg.

          Außer den Dingen des täglichen Bedarfs stießen die Forscher auch auf Eisenschlacke von bis zu 40 Kilogramm Gewicht, Abfallprodukte der Erzverhüttung, und auf Reste von Öfen zur Eisengewinnung - an den Wänden einer rechteckigen Werkstattgrube. „Das ist die größte und besterhaltene Eisenproduktionsanlage aus dieser Zeit in Deutschland“, sagt Schäfer. In Wetzlar-Dalheim könne die Entwicklung der heimischen Eisenproduktion von der Eisenzeit bis ins Mittelalter nachvollzogen werden.

          Von jedem einzelnen Fundstück erfassten die Forscher mit Hilfe eines sogenannten Tachymeters, ein Messgerät, dreidimensional die genaue Position im Grabungsfeld. „So können wir bei der späteren Auswertung die Arbeitsabläufe rekonstruieren“, sagt Schäfer. Jedes Teil wurde mit einem Fundzettel versehen, sorgfältig verpackt und zur Auswertung nach Jena geschafft.

          Das Puzzeln geht weiter

          Was sie bisher ausgegraben haben, macht die Archäologen sicher, dass an der Fundstelle sowohl im ersten Jahrhundert vor Christus, als auch im ersten Jahrhundert nach Christus Menschen lebten. „Das Bruchstück ist Beleg dafür, dass sich in der zweiten Besiedlungsphase bereits um neun Jahre nach Christus Menschen hier niedergelassen hatten“, sagt Schäfer.

          Genau zu dieser Zeit besiegte der Cherusker-Fürst Arminius den römischen Statthalter Varus in der bis heute berühmten Varusschlacht. Nach der Niederlage zogen die Römer sich aus den rechtsrheinischen Gebieten Germaniens zurück. Viele Siedlungen und Anlagen wurden aufgegeben. So wurde auch die vergoldete Reiterstatue zerstört und die Siedlung in Waldgirmes geplündert. Heute gebe es vom Standbild noch etwa 200 Fragmente, sagt Schäfer.

          Mit dem Ausgraben hat das Puzzeln für die Wissenschaftler noch lange kein Ende. Denn vieles ist noch ungeklärt: Wie kam das Fragment der Reiterstatue hierhin? Waren die Siedler von Dalheim vielleicht an der Plünderung von Waldgirmes beteiligt? Gab es Handelsbeziehungen mit den Römern oder wurde das Eisen sogar im deren Auftrag produziert? Nun müsse das Gefundene erst einmal in einen gemeinsamen Sinnzusammenhang gebracht werden, sagt Schäfer. Im Sommer will das Forscherteam weitergraben - vielleicht kommt dann wieder eine Sensation ans Tageslicht.

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