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Ernteschäden in Hessen : Obstdiebstahl wird zu einer teuren Plage

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Einfach mal einen Apfel vom Baum pflücken? Landwirte beklagen Einbußen durch Obstdiebstahl. Bild: dpa

Die Apfelernte läuft auf vollen Touren. Die Bauern in Hessen stoßen dabei immer wieder auf Bäume, die schon abgeerntet sind. Professioneller Obstdiebstahl nimmt ihrer Einschätzung nach zu.

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          Manche pflücken einen Apfel, andere kommen mit Tüten, Körben oder ganzen Lieferwagen: Obstklau ist für die Bauern bundesweit ein wachsendes Problem. Vor allem Beutezüge im großen Stil würden häufiger, berichtet der Deutsche Bauernverband. „Wir müssen feststellen, dass professionelle Schwarzernte und bandenmäßiger Ostdiebstahl deutlich zunehmen“, sagt Generalsekretär Bernhard Krüsken. In Hessen sind von Apfel- und Kirschenklau besonders Ballungsräume wie das Rhein-Main-Gebiet betroffen.

          „Auf dem Land ist einfach die soziale Kontrolle höher“, sagt der Sprecher des hessischen Bauernverbands, Bernd Weber. Auch Erdbeeren, Salat, Blumenkohl und anderes Gemüse würden direkt vom Feld gestohlen. Zahlen zu den Taten oder Verlusten, die den Landwirten entstehen, würden nicht erhoben. „Es gibt auch eine große Dunkelziffer“, sagt Weber.

          Der Schutz vor Dieben sei angesichts der Weitläufigkeit der Felder und Wiesen schwer zu bewerkstelligen. „Im Grunde können wir nur an die Vernunft der Menschen appellieren und darauf hinweisen, dass die Landwirte auf die Erträge angewiesen sind“, sagt Weber. Und darauf, dass es sich tatsächlich um Diebstahl handele, nicht um ein Kavaliersdelikt. Den Begriff „Mundraub“ als Bezeichnung für die Unterschlagung von Lebensmitteln in geringer Menge und zum sofortigen Verbrauch gibt es seit Mitte der 70er Jahren nicht mehr im deutschen Strafrecht.

          300 Tonnen pro Jahr gestohlen

          Angesichts der gerade laufenden Apfelernte blickt auch Andreas Klein mit Sorgen auf die Entwicklung. „Es werden viele Kilos weggetragen jedes Jahr“, sagt der zweite Vorsitzende des Landesverbands für Erwerbsobstbau, dessen Hof in Wiesbaden-Nordenstadt liegt. Bäume, die weiter weg von Hof lägen, brauche er oft gar nicht mehr abzuernten. Er schätzt, dass von den 300 Tonnen Ertrag etwa eine Tonne gestohlen werde. Meist würden einzelne Äpfel mitgenommen, doch es komme auch vor, dass mehr Obst auf einmal verschwinde. Im Lauf des Winters wolle er im Verband zur Diskussion stellen, ob sich vielleicht der Einsatz von Überwachungskameras rechnen würde.

          Kirschbauern in Mittelhessen greifen bereits zu Sicherheitsmaßnahmen: Im zweiten Jahr haben sie ihre Bäume von Privatdetektiven bewachen lassen. Mehr als 20 Anzeigen seien infolgedessen gestellt worden, sagt Steffen Rehde aus Friedberg-Ockstadt. Vergangenes Jahr sei ein Detektiv im Einsatz gewesen, in diesem Jahr zwei, 2019 seien dann drei vorstellbar. „Mangelndes Bewusstsein für fremdes Eigentum“ sieht Rehde als Grund für die Taten. Der jährlichen Schaden in Ockstadt liege im fünfstelligen Bereich.

          „Stopp! Nur schauen - nicht klauen“

          Der Erhalt der traditionellen Streuobstwiesen liegt der Stadt Frankfurt am Herzen. Doch immer wieder geben Pächter auf, weil sie von Obstdieben um den Ertrag ihrer Arbeit gebracht werden, wie Christa Mehl-Rouschal vom Umweltamt berichtet. „Stopp! Nur schauen - nicht klauen“ steht auf Absperrbändern, die die Stadt an die Pächter ihrer Wiesen ausgibt. Es gehe nicht um Spaziergänger, die einmal einen Apfel pflückten. Sondern darum, dass ganze Einkaufstüten gefüllt und mitgenommen würden. Auch hier gebe es Täter, die mit Lieferwagen und Leitern anrückten.

          Betroffen seien insbesondere Streuobstwiesen, die an stark frequentierten Spazierwegen lägen. „Das sind Privatgrundstücke, die Jemandem gehören, da kann man doch nicht einfach hinfahren und ernten.“ Das gleiche Problem gebe es auch in Frankfurt alljährlich, wenn die Kirschen reif seien.

          In der Vergangenheit seien Kräfte des Ordnungsamts angefordert worden, die auf Feldwegen Kontrollen gefahren seien. Dies werde auch für dieses Jahr überlegt, sagt Mehl-Rouschal, die selbst zwei Streuobstwiesen gepachtet hat. Auch hier hätten Diebe vergangenes Jahr einen Baum komplett abgeerntet.

          Früchte können auch legal gepflückt werden

          Nach Angaben der Internet-Plattform mundraub.org stehen in Frankfurt und anderen hessischen Städten viele Bäume, an denen Früchte legal gepflückt werden können. Sie sind auf einer Karte verzeichnet, die sich über eine Suchmaske lokal erschließen lässt. Den Initiatoren geht es darum, gerade bei Stadtmenschen einen Sinn für regionale und saisonale Produkte zu wecken, wie Gründer Kai Gildhorn sagt. Werde irrtümlicherweise einmal ein Baum eingezeichnet, der doch einen Eigentümer habe, werde er gelöscht. Dies komme aber selten vor.

          Die Stadt sieht die Plattform dennoch sehr kritisch, wie Landschaftsarchitektin Mehl-Rouschal vom Umweltamt sagt: „Ich bin auf jeden Fall dafür, erst zu fragen und dann zu pflücken.“

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