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Tierversuche an Hessens Unis : Von Mäusen mehr über den Menschen lernen

  • -Aktualisiert am

Modellorganismus: Etwa 96 Prozent aller Versuchstiere, die im Fachbereich Medizin der Uni Frankfurt eingesetzt werden, sind Mäuse. Bild: dpa

Über Tierversuche sprechen Forscher nur ungern. Hessen will solche Experimente per Gesetz einschränken und die Berichtspflichten verschärfen. Das gefällt nicht jedem.

          In diesem Artikel fehlt etwas. Wer über die Pläne der hessischen Landesregierung schreibt, die Regeln für Tierversuche an Hochschulen zu verschärfen, sollte auch Wissenschaftler zu Wort kommen lassen, die selbst mit Tieren experimentieren. Die Lust solcher Forscher, sich öffentlich zu äußern, ist aber derzeit sehr gering. Zumindest an der Universität Frankfurt: Im Fachbereich Medizin wollte sich jedenfalls kurzfristig niemand bereitfinden, die eigenen Tierversuche zu erklären und zu rechtfertigen. Offenbar hat man Angst vor Angriffen militanter Tierschützer, auch wenn es, wie es heißt, in jüngster Zeit keine gewaltsamen Attacken gegeben hat. Demonstrationen hingegen schon - das ist den Medizinern anscheinend unangenehm genug.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Selbst allgemeine Anfragen zum Thema Tierversuche machen die Universitäten nervös. Auskünfte werden vorzugsweise schriftlich gegeben; wer sich zu einem Gespräch bereitfindet, will seine Zitate danach autorisieren. Ganz unbefangen redet dagegen Madeleine Martin. Sie ist Landestierschutzbeauftragte, angesiedelt im hessischen Umweltministerium und schon qua Amt dazu aufgerufen, Stellung zur geplanten Änderung des Paragraphen 17 im Hessischen Hochschulgesetz zu nehmen.

          „Sanfter Druck“ gegen Tierversuche

          Unter der Überschrift „Verwendung von Tieren“ war dort bisher nur der Einsatz zu Lehrzwecken geregelt. Auf ihn solle „möglichst weitgehend verzichtet werden“, heißt es dort unter anderem. Mit der gerade in Arbeit befindlichen Novelle des Hochschulgesetzes soll nun die Vorschrift hinzukommen, dass auch in der Forschung Tierversuche nur dann erlaubt sind, wenn sie sich nicht durch andere Methoden ersetzen lassen (siehe Kasten). Damit würde eine Absichtserklärung aus dem schwarz-grünen Koalitionsvertrag in die Tat umgesetzt.

          Martins Urteil über das Vorhaben fällt geteilt aus. In gewisser Hinsicht sei es schon „ein bisschen revolutionär“: Soweit sie wisse, gebe es solch eine Bestimmung bisher in keinem anderen Landeshochschulgesetz, sagt die Tierärztin. Von der neuen Vorschrift könne ein „sanfter Druck“ ausgehen, die Zahl der Tierversuche zu verringern. Entscheidend sei aber, wie die zugehörige Rechtsverordnung aussehen werde, die die Berichtspflichten der Hochschulen festlege. Und wenn es nach Martin ginge, würde der Druck auf die Wissenschaftler, sich um Alternativen zu bemühen, noch kräftiger ausfallen: Unter anderem hat sie vorgeschlagen, Fördermittel für Forschung mit Tieren nur unter der Auflage zu vergeben, dass ein Teil des Geldes zur Untersuchung von Ersatzmethoden verwendet wird.

          Sinn der Tierversuche hinterfragen

          Solche Verfahren gibt es längst, und sie werden ständig verfeinert: Nicht alle Experimente müssen an Mäusen, Schweinen oder gar Affen vorgenommen werden; mancher biologische Prozess lässt sich auch in Zellkulturen untersuchen oder am Computer simulieren. Aber eben nicht jeder Vorgang, das gibt auch Martin zu. Trotzdem könnte der Ehrgeiz bei der Suche nach Alternativmethoden ihrer Ansicht nach größer sein. Und noch etwas gibt sie zu bedenken: Bevor ein solches Ersatzverfahren die Zulassung bekomme, werde auf das strengste geprüft, ob es etwas tauge. „Dies ist mit dem Tierversuch als Methode nie passiert.“

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