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Hessen-Technikum : Schnupperstudium mit Job-Anschluss

  • -Aktualisiert am

Überzeugt: Die Abiturientinnen Rike Müller (l.) und Hannah Kuch. Bild: Michael Kretzer

Im Hessen-Technikum können Schulabgängerinnen ausprobieren, ob ihnen MINT-Fächer liegen. Das hilft nicht nur bei der Orientierung, sondern bringt auch Geld ein.

          MINT – mit dieser Abkürzung konnte Rieke Müller schon in der Schulzeit etwas anfangen. Dass sie einmal einen mathematischen, naturwissenschaftlichen oder technischen Beruf ergreifen will, war der Achtzehnjährigen klar, bevor sie ihr Abitur ablegte. Informatik schwebte ihr vor, „aber so richtig konnte ich mir die Berufsfelder oder ein Studium nicht vorstellen“. Das ist jetzt anders: Seit Oktober ist Müller eine von zwölf Teilnehmerinnen des Hessen-Technikums an der Hochschule Darmstadt. Ein halbes Jahr lang studiert und arbeitet sie in verschiedenen MINT-Fächern und Berufsfeldern. Vier Tage in der Woche macht sie ein Praktikum in einem von 15 Partnerunternehmen, und immer mittwochs besucht sie eine Veranstaltung an der Hochschule. „Das verschafft einen guten Überblick.“

          Rieke Müller zählt zu den jungen Frauen, die schon während der Schule an Naturwissenschaften interessiert waren. Sie belegte Chemie und Mathematik als Leistungskurse. „Doch nicht immer finden diese Schülerinnen später auch einen Zugang zum Studium von MINT-Fächern“, weiß Yvonne Haffner, Gleichstellungsbeauftragte der Hochschule Darmstadt. Das Interesse zu fördern und Einblicke in die entsprechende Studien- und Berufswelt zu eröffnen, ist Ziel des Hessen-Technikums. Die Abiturientinnen oder Fachabiturientinnen sollen beide Seiten kennenlernen, „ein Gespür für die Fächer bekommen“, wie Haffner es nennt.

          Das Selbstbewusstsein stärken

          Die Soziologieprofessorin ist Landesprojektleiterin des Hessen-Technikums, das von 2013 bis 2017 an der Hochschule Darmstadt erprobt wurde und nun an allen fünf hessischen Hochschulen für angewandte Wissenschaften angeboten werden soll. Für das dreijährige Gemeinschaftsprojekt, finanziert vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst sowie dem Europäischen Sozialfonds, stehen rund 660.000 Euro bereit. An den übrigen hessischen Hochschulen beginnt gerade die Akquise für das Technikum. Die zentrale Koordinierung übernimmt Lena Loge von der Hochschule Darmstadt.

          Sie und Haffner haben gute Erfahrungen mit dem Angebot gemacht, das vor allem das Selbstbewusstsein der Mädchen stärke. „Viele denken, ihre Mathe-Kenntnisse reichen nicht aus, oder sie haben diffuse Vorstellungen von einem technischen Studium oder Beruf“, sagt Loge. In der Schule würden Physik und Informatik unterrichtet, „doch bei Elektrotechnik oder Bauingenieurwesen hört es schon auf“.

          Das Praktikum wird vergütet

          Rieke Müller hat ihre zweite Praxiszeit begonnen. Drei Monate hat sie bei einem IT-Dienstleister in Langen gearbeitet, seit zwei Wochen macht sie ein Praktikum bei einem Informationsdienst der Deutschen Bahn. Acht Stunden am Tag darf sie Kollegen begleiten oder eigene Aufgaben bewältigen – wofür die Technikantinnen mit 400 bis 700 Euro entlohnt werden. Jeden Mittwoch studiert sie an der Hochschule. Sie besucht Vorlesungen oder spezielle Angebote im Maschinenbau, der Elektro- und Informationstechnik, im Bauingenieurwesen, der Informatik oder den Naturwissenschaften.

          „Bisher war es sehr abwechslungsreich, findet Hannah Kuch. Auch sie nutzt das Hessen-Technikum zur Orientierung. Naturwissenschaften liegen der Bensheimerin, „doch ich wusste vorher nicht, was genau ich machen will“. Das steht nach rund vier Monaten Praktikum und Schnupperstudium nun fest: Vom Wintersemester an wird sie Maschinenbau studieren. Rieke Müller hat ebenfalls ihren Weg gefunden. „Bei mir geht es jetzt ganz klar in Richtung Informatik.“

          Universität oder Hochschule?

          Den Nutzen des Technikums können Yvonne Haffner und Lena Loge mit Zahlen aus der Pilotphase belegen. Während vorher viele junge Frauen bezweifeln, dass sie ein MINT-Studium schaffen, entscheiden sich nach dem Programm 90 Prozent der Technikantinnen für ein solches Fach. Bisher haben 34 Teilnehmerinnen das Technikum in Darmstadt absolviert. Ein Studium beginnen sie danach nicht zwangsläufig an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften. Hannah Kuch etwa will sich an der TU Darmstadt einschreiben. „Ich habe gemerkt, dass mir die theoretische Seite mehr liegt.“ Universität oder Hochschule – auch diese Frage solle das Hessen-Technikum klären helfen, sagt Loge.

          Rund die Hälfte entscheidet sich für ein mehr praktisch orientiertes Studium. Ein Vorteil gilt hier wie da: Technikantinnen haben das Pflichtpraktikum für technische Studiengänge schon absolviert und bereits Kontakte zu Unternehmen geknüpft. So manche entscheidet sich daher auch für ein Duales Studium.

          Zwischen Ende des Technikums im März und dem Studienbeginn liegt oft ein halbes Jahr. Für diese Pause organisiert Lena Loge auf Wunsch ebenfalls Praktika. Für Rieke Müller und Hannah Kuch hat sich die Zeit gelohnt: „Wir fühlen uns jetzt sehr viel sicherer.“

          Bewerbungen und Informationen

          www.hessen-technikum.de

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