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Hessen sucht Fachkräfte : Hoffen auf die Spanier

Im Visier hessischer Politiker: Erwerbslose in Madrid vor dem Büro einer Arbeitsagentur Bild: REUTERS

In Hessen fehlen Fachkräfte. Hilfe soll vom angeschlagenen Euro-Sorgenkind Spanien kommen. Denn dort sind vor allem junge Menschen ohne Arbeit.

          Ein halbes Jahrhundert nach der Unterzeichnung des Anwerbeabkommens zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei bereitet die hessische Landesregierung nun eine Kooperationsvereinbarung mit der Region Madrid vor. Junge Spanier sollen helfen, die Wirtschaft zwischen Kassel und dem Odenwald mit Fachkräften zu versorgen. Von „sehr konkreten Gesprächen“ berichteten Wirtschaftsminister Florian Rentsch (FDP) und sein für Bundesangelegenheiten verantwortlicher Kabinettskollege Michael Boddenberg (CDU). Zuvor hatten sie zwei Tage lang in der spanischen Hauptstadt mit der Staatssekretärin im nationalen Arbeitsministeriums, Engracia Hidalgo Tena, Politikern der Autonomen Region Madrid und Vertretern der Wirtschaft über ein Vorhaben gesprochen, von dem beide Seiten gleichermaßen profitieren könnten.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Wenn nichts unternommen wird, fehlen im Jahr 2030 in Hessen mehr als 300000 Fachkräfte. Das besagen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Demnach fehlen Fachkräfte vor allem in Ingenieurberufen, in der Pflege, im Erziehungswesen und in der Metallverarbeitung. In Spanien hingegen liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 50 Prozent. Die Spanier hätten deshalb „großes Interesse“ an einer Zusammenarbeit, berichteten die Minister. Damit verbinde sich die Chance, „am Ende viele hundert“ junge Iberer für einen Umzug nach Hessen zu gewinnen.

          Virtuelles „Welcome-Center“

          Wenn das Abkommen im Herbst unterzeichnet werde, könnten sich die ersten Spanier im Idealfall schon Anfang des nächsten Jahres auf den Weg machen, meinte Rentsch. Um die Voraussetzungen dafür zu schaffen, werde die Landesregierung in einem ersten Schritt ein virtuelles „Welcome-Center“ einrichten. Darüber hinaus werde Hessen sich in Madrid auf einer Werbetour vorstellen.

          Die regionale Regierung wolle sich dafür einsetzen, dass die Angebote, in der Heimat Deutsch zu lernen, ausgebaut würden, sagten die Minister. Die Zahl der Studenten, die sich am Goethe-Institut für Sprachkurse anmeldeten, sei in den zurückliegenden Jahren deutlich gestiegen. Die spanische Wirtschaft sei überdies sehr an dem dualen System der Ausbildung in Deutschland interessiert. Denn in ihrer Heimat habe die Vorbereitung auf nichtakademische Berufe einen eher schlechten Ruf. Für manchen Jugendlichen Spanier sei eine Lehrstelle beispielsweise in einem deutschen Handwerksbetrieb deshalb eine große Chance.

          Darüber hinaus gebe es in Spanien zahlreiche arbeitslose Akademiker mit einem Abschluss in Natur- oder Ingenieurwissenschaften. Auch in solchen Fällen könne ein Wechsel nach Deutschland „relativ schnell konkret werden“. Immerhin könne sich jeder vierte junge Spanier, der sich überlege, ins Ausland zu gehen, vorstellen, in Deutschland zu arbeiten. Für Hessen spreche auch der Frankfurter Flughafen. Dass Madrid sich von dort aus in weniger als drei Stunden erreichen lasse, sei ein schwerwiegendes Argument. Denn Spanier seien in ihren Familien stark verwurzelt. Sie wüssten eine gute Verbindung in die Heimat zu schätzen.

          Zeitlicher Vorsprung

          Neben Hessen bemühen sich auch Bayern und Baden-Württemberg um spanische Arbeitskräfte. Rentsch und Boddenberg meinen aber, mit ihrer Aktivität einen zeitlichen Vorsprung zu haben. Nach ihren Worten geben viele junge Spanier aber schon heute dem Werben der Niederlande und Frankreichs nach. Nach Hessen sind im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise bisher nur einzelne Spaniern umgezogen. Der Online-Versandhändler Amazon hat laut Bundesagentur für Arbeit für das Weihnachtsgeschäft kurzfristig 200 Beschäftigte als Aushilfen nach Bad Hersfeld geholt.

          Um die Attraktivität Hessens zu unterstützen, sollen auch Unternehmen in die Pflicht genommen werden. „Wir müssen vor allem mit unseren großen Marken werben“, meinte Rentsch. Beteiligt seien auch die Industrie- und Handelskammer Frankfurt und die Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main. Sei September vergangenen Jahres kümmert sich außerdem eine sogenannte Fachkräftekommission um das Thema. In ihr sind neben Boddenberg die Gewerkschaften ebenso vertreten wie Wirtschaftsverbände, Unternehmen und Wissenschaftler.

          „Entsprechend gehandelt wurde nicht“, meinte aber der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag, Günter Rudolph. Bevor mit viel Aufwand in anderen Ländern Arbeitskräfte angeworben würden, müssten die Potentiale im eigenen Land gehoben werden. Er forderte, das Ausbildungsbudget zu erhöhen und die Universitäten auskömmlich auszustatten.

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