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Deutschkurse für Migranten : Für Schüler ohne Deutschkenntnisse wird es schwerer

Kleingruppe: Diesen Intensivkurs an der Fürstenbergerschule im Frankfurter Nordend besuchen Schülerinnen aus Polen, Russland, Serbien und Griechenland. Bild: Wonge Bergmann

Mit der Zahl der Flüchtlinge und Migranten steigt auch die der „Intensivklassen“. Sie sollen den Einstieg ins deutsche Bildungswesen ermöglichen. Doch das Land muss sparen.

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          Den Worten ist die Konzentration anzuhören, die Justin braucht, sie über die Lippen zu bringen. „Ich komme aus Rumänien“, sagt er, zwischen jedem Wort eine Denkpause einlegend. „Ich habe elf Jahre alt. Ich bin in die Schule zwei Wochen.“ Justin besucht die Intensivklasse der Fürstenbergerschule, einer Realschule im Frankfurter Nordend. 15 Kinder sitzen mit ihm im Unterricht. Omar aus Ägypten, Mohammed aus Tunesien, Patrick und Patricia aus Polen. Eine Weltauswahl von Vietnam über Südafrika bis Kroatien.

          Matthias Trautsch
          Koordination Reportage Rhein-Main.

          Längst nicht alle Schüler sind Flüchtlinge. Die meisten sind nach Deutschland gekommen, weil ihre Eltern hier Arbeit gefunden haben. Manche haben in der Heimat eine dem Gymnasium vergleichbare Schule besucht, hatten gute Noten, andere haben nur brüchige Bildungsbiographien. Gemeinsam ist ihnen, dass sie so gut wie kein Deutsch sprechen. Als sogenannte Seiteneinsteiger sollen sie binnen eines Jahres grundlegende Sprachkenntnisse erwerben und dann in eine Regelklasse wechseln.

          Sparen „auf Kosten der Schwächsten“

          Mit der Zahl der Zuwanderer steigt auch die Zahl der Intensivklassen. In Frankfurt sind es in diesem Schuljahr etwa 45, zum nächsten sind 61 geplant. Zugleich schwinden aber die Ressourcen je Klasse. Seit einigen Jahren kürzt das Land die Lehrerzuweisung. In diesem Schuljahr sind für Seiteneinsteiger-Klassen noch 25 Stunden je Woche vorgesehen. Wie das Kultusministerium bestätigte, soll die Zuweisung zum nächsten Schuljahr weiter sinken: Auf 22, für Grundschulen auf 18 Stunden.

          Dagegen protestiert der Gesamtpersonalrat der Lehrer am Staatlichen Schulamt Frankfurt. „Es handelt sich hier eindeutig um den Versuch, Einsparungen auf Kosten der Schwächsten vorzunehmen“, heißt es in einer Resolution. Ähnlich sehen es die Schulen, an denen Intensivklassen geführt werden. Die Eduard-Spranger-Schule, eine Haupt- und Realschule in Frankfurt-Sossenheim, hält die Stundenkürzung für „skandalös“. Kinder aus Krisen- und Kriegsgebieten seien oft traumatisiert und brauchten sehr viel Zuwendung. Der Unterricht müsse auf die einzelnen Schüler zugeschnitten sein, die Kontakte mit den Eltern und sozialen Institutionen seien aufwändig.

          Heute Migranten - morgen Fachkräfte

          Hans Werner Jorda, der Leiter der Fürstenbergerschule, weist auch auf die Potentiale der Zuwanderer- und Flüchtlingskinder hin. Viele von ihnen seien sehr ehrgeizig und wechselten nach dem Besuch der Intensivklasse auf eine Realschule oder ein Gymnasium. „Das sind die Fachkräfte, die wir künftig so dringend brauchen werden“, sagt Jorda. Deshalb sei es schon aus volkswirtschaftlichen Gründen unsinnig, an den ersten Schritten zum Erwerb der Sprache und zur Eingliederung ins Bildungswesen zu sparen.

          Außer bei den Seiteneinsteiger-Klassen will das Land Hessen auch bei den sogenannten Intensivkursen kürzen. Diese Kurse kamen bisher den Schülern zugute, die schon in Regelklassen gewechselt waren, aber noch zusätzlicher Deutsch-Förderung bedurften. Wie Jorda sagt, erhält seine Schule derzeit noch neun Stunden wöchentlich für diese Aufgabe. Zum nächsten Schuljahr solle dieser Posten aber komplett gestrichen werden. „Es heißt immer, Kontinuität sei in der Bildung wichtig – und jetzt sollen aus neun Stunden null werden.“

          Die Rechnung des Landes Hessens

          Das Kultusministerium bestätigt zwar die Stundenkürzung je Intensivklasse, weist aber darauf hin, dass das Land insgesamt so viel Geld für Deutschförderung ausgebe wie nie zuvor. Die wachsende Zahl der Seiteneinsteiger stelle eine große Herausforderung für das Schulsystem dar. Derzeit gebe es allein für Intensivmaßnahmen 350 Stellen. Das seien 50 mehr als im Vorjahr. Für die Deutschförderung insgesamt, also unter anderem auch für Vorlaufkurse für Grundschüler, stünden 1070 Stellen zur Verfügung. Durch eine Steigerung für allgemeinbildende Schulen sowie eine Ausweitung auf die beruflichen Schulen seien es im nächsten Schuljahr sogar 1250 Stellen. Sollten diese Kapazitäten angesichts weiter steigender Zuwanderer- und Flüchtlingszahlen noch nicht ausreichen, gebe es möglicherweise noch einen Zuschlag, sagte ein Ministeriumssprecher.

          Durch die Aufstockung der Stellen, aber auch durch die Kürzung der Stunden je Klasse sei es möglich, zum nächsten Schuljahr landesweit etwa 70 neue Intensivklassen einzurichten. Damit könnten die allgemeinbildenden Schulen mehr als 1100 Seiteneinsteiger zusätzlich aufnehmen – ohne dass die Maximalzahl von 16 Schülern je Klasse erhöht werde. Am wichtigsten sei es, allen schulpflichtigen Kindern, die als Seiteneinsteiger nach Hessen kommen, eine schnelle schulische Integration zu ermöglichen. Dafür sei eine „vorübergehende Verringerung“ der Stundenzahl hinzunehmen und unter fachlichen Aspekten verantwortbar.

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