https://www.faz.net/-gzg-8r0hj

Sicherheitsgefühl schwindet : Kleiner Waffenschein stark gefragt

  • Aktualisiert am

Zunahme: In Hessen wächst die Zahl der Kleinen Waffenscheine Bild: dpa

Innenminister Beuth ist besorgt, Experten warnen: In Hessen wächst die Zahl der Kleinen Waffenscheine. Hintergrund ist das verloren gegangene Sicherheitsgefühl im Land.

          Die Hessen decken sich wegen des wachsenden Sicherheitsbedürfnisses und der anhaltenden Terrorgefahr vermehrt mit Schreckschusswaffen und Reizgas ein. Die Zahl der Kleinen Waffenscheine stieg 2016 um mehr als die Hälfte im Vergleich zum Vorjahr, wie das Hessische Innenministerium in Wiesbaden auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. 36 682 Kleine Waffenscheine wurden beim Nationalen Waffenregister (NWR) für Hessen gespeichert. 2015 hatte die Zahl noch bei 23 552 gelegen.

          In der Bevölkerung wächst das Gefühl, sich verstärkt selber um die eigene Sicherheit kümmern zu müssen, hat die Polizei als Ursache ausgemacht. „Es gibt ein schwindendes Sicherheitsgefühl und das hat Ursachen“, sagte Andreas Grün, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei Hessen (GdP), der Deutschen Presse-Agentur. „Die Bürger merken, dass die Polizei einfach nicht mehr so präsent ist.“ Die Menschen hätten aber nicht nur mehr Pfefferspray in der Handtasche, um sich wehrhaft zu fühlen. Bei Banken würden auch mehr Schließfächer nachgefragt, weil es eine zunehmende Angst vor Wohnungseinbrüchen gebe, berichtete Grün.

          Eine Sache des Vertrauens

          Für den Gießener Kultursoziologen Jörn Ahrens ist diese Entwicklung auch ein Vertrauensverlust in die Funktionsfähigkeit gesellschaftlicher Strukturen. „Das betrifft nicht nur die Polizei, das betrifft im Grunde die ganzen staatlichen Institutionen, die die gesellschaftliche Normalität gewährleisten sollen“, erklärte er. „Die gesellschaftliche Normalität lebt davon, dass wir als Bürger ein Vertrauen darin fassen, dass unser Alltag funktioniert und wir hinreichend sicher leben. Dieses Vertrauen ist ganz offensichtlich gestört“, sagte Ahrens, der zum Thema Gesellschaft und Angst forscht. Dass die Menschen darauf teils auf der Ebene des Selbstschutz und der Selbstbewaffnung reagierten, sei für Deutschland eine neue Tendenz.

          Der Wiesbadener Kriminologe Rudolf Egg warnte vor einer Verharmlosung der Entwicklung. „Die Politik muss sich schon um das Sicherheitsgefühl der Menschen kümmern. Es ist nicht gut, dass so viele verunsichert sind und dann Schreckschusswaffen kaufen. Vielleicht kommen andere auf weitere Ideen und gründen Bürgerwehren oder rufen zu Gegengewalt auf.“

          Weißer Ring mahnt

          Eine Zunahmen an Straftaten mit Pfefferspray registrieren die Ordnungshüter zwar nicht. Das Landeskriminalamt (LKA) warnt aber auch vor einem gegenteiligen Effekt: Zu befürchten sei, dass sich mit Schreckschusswaffen ausgerüstet Menschen sogar sorgloser verhielten als sonst. Auch die Opferschutzorganisation Weißer Ring hält das Aufrüsten im privaten Bereich mit Schreckschussmitteln für wenig hilfreich. „Das führt nach unseren Erfahrungen nicht zu einer messbaren Erhöhung der Prävention“, sagte der Landesvorsitzende Patrick Liesching. Im Gegenteil: Derartige Waffen bergen nach seinen Worten eher die Gefahr, dass die Situation eskaliert.

          Dass Hessen beim Aufrüsten mit Schreckschusspistolen und Reizgaswaffen nicht alleine steht, belegen auch bundesweite Zahlen: Nach Angaben des Bundesinnenministeriums waren Ende Oktober 2016 rund 449 000 Kleine Waffenscheine registriert - rund 63 Prozent mehr als zum Vorjahreszeitraum. Auch der Verband Deutscher Büchsenmacher und Waffenfachhändler (VDB) in Marburg verbuchte eine stärkere Nachfrage nach Waffen.

          „Was wir gemerkt haben, war ein Auf und Ab im Verkauf solcher freien Abwehrmittel“, berichtete VDB-Geschäftsführer Ingo Meinhard auf dpa-Anfrage. Diese Entwicklung habe im Zusammenhang gestanden mit Medienberichten über Anschläge und andere Straftaten. Demnach wurde ein erstes Plus nach den massiven Übergriffen in der vorletzten Kölner Silvesternacht und bis nach Karneval beobachtet. Neben Schreckschusswaffen und Reizgas seien 2016 auch häufiger Schrillalarme oder Blend-Taschenlampen verkauft worden. Derartige Geräte sollen Angreifer in die Flucht schlagen.

          Der Kleine Waffenschein berechtigt dazu, Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen zu führen. Diese müssen zudem das Siegel der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) enthalten. Welche Waffenarten bei den Hessen besonders gefragt waren, darüber gibt das Nationale Waffenregister keine Auskunft. Ohne Waffenschein können laut Innenministerium dagegen Reizstoffsprühgeräte gekauft und benutzt werden, die nachweislich ihrer Bezeichnung zur Abwehr etwa von Tieren („Hundeabwehrsprays“) gedacht sind.

          Das Ministerium von Innenminister Peter Beuth (CDU) reagierte besorgt auf den massiven Anstieg der Kleinen Waffenscheine. Die hessische Polizei nehme die Sorgen und Ängste der Bevölkerung sehr ernst, steht aber der Verbreitung von Waffen kritisch gegenüber, erklärte ein Sprecher des Innenministeriums. Die Bürger zu schützen, sei alleinige Aufgabe des Staates; die Polizei sei für die öffentliche Sicherheit zuständig. Beuth verwies darauf, dass die Landesregierung die Polizei mit rund 1000 zusätzlichen Polizeivollzugsbeamten bis 2020 stärkt und fortlaufend in die Modernisierung der Ausstattung investiert.

          Weitere Themen

          Das Original

          FAZ Plus Artikel: Höcke und die AfD : Das Original

          Auf dem „Kyffhäuser-Treffen“ des nationalistischen „Flügels“ hat der Chef der Thüringer AfD die Führung der Bundespartei attackiert. In Westdeutschland stürzen seine Freunde ganze Landesverbände ins Chaos. Der Widerstand organisiert sich.

          Topmeldungen

          Wollen beide die Nachfolge von Theresa May als britischer Premierminister antreten: der amtierende Außenminister Jeremy Hunt (rechts) und sein Vorgänger Boris Johnson

          Warnung an Trump : Johnson würde Krieg gegen Iran nicht unterstützen

          Militärische Aktionen gegen Teheran seien keine „sinnvolle Option”, sagt der Favorit auf die Nachfolge von Theresa May. Obwohl er damit Trumps Politik untergräbt, glaubt Boris Johnson an einen schnellen Handelsdeal mit Amerika nach dem Brexit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.