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Hessen : Luchse wieder heimisch

  • -Aktualisiert am

Robust: Einem Luchs kann der deutsche Winter nichts anhaben. Bild: dpa

Seit 1833 galt die Raubkatze in dem Bundesland als ausgestorben. Jetzt ist sie wieder da - und sie zieht Junge groß.

          In Hessens Wäldern leben wieder wilde Luchse. Und sie ziehen Junge auf. Das sind keine Vermutungen mehr, sondern Fakten, wie die Arbeitsgemeinschaft Hessenluchs sagt. Sie beruft sich auf Fotos und Videos von der größten Wildkatze Europas. Im 170 Quadratkilometer großen hessischen Hauptverbreitungsgebiet der Raubtiere zwischen Fuldabrück, Melsungen, Spangenberg, Hessisch Lichtenau und Helsa sei die Wahrscheinlichkeit besonders groß, einem Luchs zu begegnen.

          In den waldreichen Landkreisen Schwalm-Eder und Werra-Meißner endete unlängst das vom Hessischen Ministerium für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz beauftragte Projekt „Luchsmonitoring“. Im Bericht für das Jahr 2011 wurden Hinweise von 50Luchsbeauftragten für den Zeitraum August 2010 bis Juli 2011 ausgewertet. 127 plausible Meldungen gingen ein, zehn gelten als Beweise für Luchse in dem Gebiet. Erstmals gelang der Nachweis, dass die Luchse auch Junge großziehen. Fotos zeigen eine Katze mit ihren Jungen. Im Landkreis Kassel gab es mit 39 die meisten Hinweise auf die Tiere, dort wurden auch Jungtiere gesehen. Im Rheingau-Taunus-Kreis wurde die Großkatze 26 Mal registriert, in weiteren zehn Landkreisen ist sie ebenfalls unterwegs.

          „Großkatzen sind anpassungsfähiger, als die Fachliteratur das bislang beschrieben hat“

          Meldungen und Fotonachweise gingen auch nach dem Abschluss der Auswertung noch ein. Am spektakulärsten war die Beobachtung von fünf Tieren. Dem Forstwirt Ulrich Wettig lief die Luchsfamilie Anfang Januar auf der Fahrt durch das Revier bei Melsungen über den Weg. Aufgeregt filmte er die Begegnung mit dem Handy, die Bilder sind etwas verwackelt, die Tiere aber doch gut zu erkennen. „Die Katze stand zuerst quer auf dem verschneiten Waldweg, ich musste anhalten“, schilderte er. Das Video zeigt, wie die Luchsin hinter einem Holzstoß, fünf Meter vom Auto entfernt, vorbeiläuft, dann stehenbleibt und in Richtung einer Fichtenschonung zieht. Wettig filmte weiter. „Auf einmal sah ich drei Tiere im Display.“ Im Film sieht man die Begrüßung der Tiere untereinander. Wettig zoomt die Szene heran, die sich wenige Meter vor ihm abspielt. „Ich wollte schnell noch ein paar Fotos machen, da kamen noch zwei Jungtiere dazu.“ Er machte Fotos von allen, dann trollte sich die Luchsfamilie.

          Diese Dokumentation bestätigt die Vermutung von Forstamtsleiter Christian-Peter Foet. „Großkatzen sind anpassungsfähiger, als die Fachliteratur das bislang beschrieben hat“, sagte er. Zwar hielten sie Abstand zum Menschen, aber sähen in ihm keine Gefahr. In Melsungen leben nach Angaben Foets mindestens fünf erwachsene Tiere und bis zu sechs Junge. Eigentlich sind es zu viele Einzelgänger auf einer Fläche von nur 28 Quadratkilometern, wie Foet sagt. Bei guten Lebensbedingungen lassen die Luchse aber offenbar andere Artgenossen in ihrer Nähe zu, zudem beweise die Luchsin mit vier Jungen, dass genug Beute für ihre Nachzucht vorhanden sei.

          Es ist wieder Paarungszeit

          Im Revier Melsungen werden immer wieder Luchse beobachtet. Foet geht allen Meldungen nach, sieht sich Bilder genau an. 2011 wurden für das Monitoring 30 Fotofallen installiert, die automatisch Bilder verschiedener Tiere schießen konnten. Einmal im Monat wurden die Speicherkarten ausgewertet.

          Bei Hessenluchs werden die Fotobeweise als C1-Meldung (harte Fakten) registriert, „zwei Tiere wurden damit eindeutig identifiziert“, berichtete Foet. Unter den Aufnahmen ist das Foto einer Katze, die im Sommer zwei Junge bei sich hatte, ein anderes zeigt ein geschlechtsreifes Männchen. Für Foet ist das nicht nur der bislang fehlende Fortpflanzungsbeweis, sondern auch ein Beleg für die biologische Vielfalt, die auch einer umsichtigen Forstbewirtschaftung zu verdanken sei. In Hessen sind die Luchse heimisch geworden. Es sind Tiere der Harzer Population, die hier ihr Revier gefunden haben, somit könnte die Mitte Deutschlands zur „Genbrücke“ einer Art werden, die seit 1833 in Hessen als ausgestorben galt.

          Gerade ist wieder Paarungszeit, die Luchsin entlässt die Jungen ins Einzelgängerdasein. Im besten Fall, so Foet, ziehen sie dann in Richtung Seulingswald, Knüll und Rhön, bis sich ihre Nachkommen irgendwann mit der Population im Bayerischen Wald mischen. „Im April kommen die nächsten Welpen, die wir hoffentlich ab Juli zu sehen bekommen.“ Von einer traumhaften Entwicklung sprach Thomas Norgall vom Nabu schon im Herbst 2011. Damals zeichnete sich die positive Entwicklung ab.

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