https://www.faz.net/-gzg-83tpg

Radikalisierte Jugendliche : Auch Terroristen haben Kinder

SEK-Beamte vor der Wohnung, in der Hilal und Senay D. einen Anschlag geplant haben sollen. Bild: Helmut Fricke

Wenn sich Eltern radikalisieren, kann das für ihren Nachwuchs gefährlich werden. Jugendämter und Polizei sind alarmiert, denn die Fälle häufen sich.

          3 Min.

          Als ein Spezialeinsatzkommando am Abend des 29. April in Oberursel die Wohnung von Hilal und Senay D. stürmte, war klar, dass es in den nächsten Monaten nicht nur um die beiden Beschuldigten selbst gehen würde. Das Paar hat zwei Kinder, ein Mädchen und einen Jungen, zwei und vier Jahre alt. Sie befanden sich in der Wohnung in der früheren amerikanischen Siedlung Camp King, als die Polizisten ihre Eltern festnahmen, die unter dem Verdacht stehen, einen Anschlag auf das Radrennen am 1. Mai geplant zu haben.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Wiesbadener Polizeipräsident Stefan Müller hob später hervor, den Beamten sei die Gegenwart der Kleinkinder bewusst gewesen, man habe das bei dem Einsatz berücksichtigt. Inzwischen kümmert sich das Jugendamt um sie. Verwandte, denen die Kinder hätten anvertraut werden können, gab es in diesem Fall nicht, sie leben nun in einer Jugendeinrichtung.

          Uneinheitliche Regeln für die Polizei

          Wenn von größeren Einsätzen auch Kinder betroffen seien, sei das immer eine besondere Herausforderung, heißt es im Landeskriminalamt. Dann liege das Augenmerk nicht nur auf den Verdächtigen, so ein Sprecher, sondern auch auf den Kindern. Es werde mit aller Sensibilität vorgegangen, damit keine Traumata entstünden. Dafür seien die Polizisten geschult.

          Für Fälle, in denen Eltern eines Verbrechens verdächtig sind, gibt es keine einheitliche Regelung, wohl aber ein festes Prozedere, nach dem die Behörden vorgehen. So nimmt die Polizei schon vor dem geplanten Einsatz Kontakt mit dem Jugendamt auf. In manchen Fällen gehen die Informationen aber den umgekehrten Weg. „Wenn wir merken, dass sich Jugendliche oder ihre Eltern radikalisieren, melden wir das der Polizei“, sagt Michael Krause vom Frankfurter Jugendamt. Die Mitarbeiter von Jugendhäusern achten mittlerweile aufmerksamer auf solche Tendenzen. Des Öfteren gebe es Hinweise auf radikalisierte Eltern oder Jugendliche.

          Kooperation mit Polizei unverzichtbar

          Ob die Kinder bei ihren Eltern bleiben dürfen, hängt davon ab, ob das Wohl der Minderjährigen als gefährdet erachtet wird. Dass die Eltern kriminell seien, sei kein hinreichender Grund, sagt Krause. Man denke etwa an chronische Schwarzfahrer oder Ladendiebe. Über die Fähigkeit zur Erziehung sagt das nicht grundsätzlich etwas aus. Kommen die Eltern aber in Haft, muss das Jugendamt in jedem Fall eingreifen. Das sei vergleichbar mit Fällen, in den Familien obdachlos würden, sagt Krause.

          Die Risikoeinschätzungen laufen nach einem festen Schema ab. Immer müssen mehrere Fachkräfte beteiligt sein. Sie müssen Kontakt mit den Kindern und den Eltern aufnehmen, um die Lage zu beurteilen.

          Vergleichbare Fälle wie den in Oberursel gab es in Frankfurt noch nicht. Doch Krause kann die Entscheidung des dortigen Jugendamts nachvollziehen. „Wer Bomben baut, könnte auch seine Kinder einsetzen und indoktrinieren“, meint er. Für solche Einschätzungen sei die Kooperation mit der Polizei unverzichtbar, um dem Einzelfall gerecht zu werden.

          Letztlich entscheiden Familienrichter

          Kommt das Jugendamt zu dem Schluss, dass das Wohl der Kinder akut in Gefahr ist, lotet es aus, ob sie fortan bei Verwandten oder Bekannten leben könnten. Ist das nicht der Fall, ziehen die Sozialarbeiter vor allem für kleine Kinder Pflegefamilien vor. Doch in vielen Städten gibt es nicht genug dieser Ersatzeltern.

          Die Hürden dafür, den Eltern die Kinder auf Dauer zu entziehen, sind hoch. Kurzfristig kann das Jugendamt ohne Gerichtsbeschluss handeln. Doch letztlich haben die Familienrichter zu entscheiden, wo die Mädchen und Jungen leben.

          Selbst in Fällen, in denen die Eltern offensichtlich extremistische Positionen vertreten, ist ein Verbleib der Kinder bei den Eltern nicht ausgeschlossen. Schon im vergangenen Jahr hatte die Polizei gegen ein Paar ermittelt, das sich ebenfalls der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat schuldig gemacht haben soll.

          Die Mutter, eine Deutsche, war 2013 mit ihrem Mann arabischer Herkunft und den beiden Kleinkindern nach Syrien ausgereist. Als sie Mitte 2014 über die Türkei zurück nach Deutschland reisen wollten, wurde eine Rohrbombe in ihrem Gepäck entdeckt. Auch damals informierten die Sicherheitsbehörden umgehend das Jugendamt. Es habe den Fall geprüft, teilte die Sprecherin der Frankfurter Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) mit. Die Familie sei daraufhin aufgesucht worden. Es habe jedoch keine akute Gefährdung des Kindeswohls festgestellt werden können. Die Kinder lebten deshalb weiterhin bei der Mutter.

          Weitere Themen

          Hochschule vermutet Hackerangriff

          Immer noch offline : Hochschule vermutet Hackerangriff

          Nach einem IT-Sicherheitsvorfall am 8. Dezember ist die Universität Gießen offline. Das Ausmaß des Schadens wird geprüft. Die Studenten haben gemischte Meinungen zu dem Vorfall.

          Fahrverbote, S-Bahn-Halt, Awo-Skandal

          F.A.Z.-Hauptwache : Fahrverbote, S-Bahn-Halt, Awo-Skandal

          Frankfurter Dieselautobesitzer müssen bangen. S-Bahn-Fahrer können sich über eine neue Haltestelle freuen. Das und was sonst noch wichtig ist in Rhein-Main, steht in der F.A.Z.-Hauptwache.

          Topmeldungen

          Nächtliche Pressekonferenz: Selenskyj, Merkel, Macron und Putin im Elysée-Palast

          Ukraine-Gipfel : Bewegung in einen versteinerten Prozess

          Der Stillstand sei überwunden, versichern Merkel und Macron nach neun Stunden Verhandlungen. Putin wittert Tauwetter. Doch Selenskyj ist skeptisch: „Mir ist das viel zu wenig.“

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.