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Anweisung aus Wiesbaden : Förderschulen dürfen keine Flüchtlinge nehmen

Intensivklasse: In kleinen Gruppen lernen die jungen Migranten Deutsch, um später am Regelunterricht teilzunehemen. (Symbolbild) Bild: Robert Gommlich

Das Kultusministerium fürchtet die Stigmatisierung von Migranten und verbietet den hessischen Förderschulen die Aufnahme von Flüchtlingen. Bei den Schulleitern stößt der Beschluss auf Unverständnis.

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          Hessische Förderschulen dürfen künftig keine Flüchtlingskinder mehr aufnehmen. Nach Informationen dieser Zeitung hat das Kultusministerium die Staatlichen Schulämter angewiesen, die sogenannten Seiteneinsteiger nur noch den Intensivklassen an allgemeinen Schulen zuzuteilen. Bestehende Intensivklassen an Förderschulen sollen schrittweise aufgelöst werden. Mangelnde Sprachkenntnisse, Schwierigkeiten im Schreiben oder Rechnen und auch psychisch belastende Fluchterfahrungen seien kein Indiz für sonderpädagogischen Förderbedarf.

          Matthias Trautsch
          Koordination Reportage Rhein-Main.

          Bisher wurden Intensivklassen an allen Schulformen eingerichtet. In den relativ kleinen Gruppen sollen die Kinder von Flüchtlingen, aber auch von EU-Zuwanderern ihre Deutschkenntnisse verbessern und so auf den Wechsel in eine Regelklasse vorbereitet werden. Ob sie danach auf ein Gymnasium, eine Real- oder Hauptschule gehen, hängt von den Leistungen ab und nicht davon, an welcher Schulform die Intensivklasse angesiedelt war. Wird ein sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt, also eine umfassende und andauernde Beeinträchtigung oder Behinderung, dann kommt auch der Wechsel auf eine Förderschule in Betracht, wie die früheren Sonderschulen inzwischen heißen.

          „Sprachdefizite sind kein Förderbedarf.“

          Offenbar fürchtet das Kultusministerium, dass Migranten durch die Zuweisung an eine Förderschule vorab als behindert oder beeinträchtigt eingestuft würden. Wie aus Wiesbaden zu hören ist, wird auch vermutet, dass Förderschulen versuchen könnten, durch die Aufnahme von Flüchtlingen ihre Existenz zu sichern. Wegen der zunehmenden Inklusion fürchteten insbesondere die Förderschulen für Lernen um ihre Klientel. Allerdings verzeichnen längst nicht alle Lernhilfeschulen zurückgehende Schülerzahlen.

          Die Leiterin des Staatlichen Schulamts Frankfurt, Rosemarie zur Heiden, verweist auf das hessische Schulgesetz, das gebiete, Seiteneinsteiger, also zugewanderte Schüler mit geringen Deutschkenntnissen, an allgemeinen Schulen aufzunehmen. „Für die Förderschule braucht man die Feststellung eines Förderbedarfs, und Sprachdefizite sind kein Förderbedarf.“ Der Erlass des Kultusministeriums gilt hessenweit, bezieht sich aber offensichtlich insbesondere auf Frankfurt, wo es wegen der begrenzten Raumkapazitäten an allgemeinen Schulen besonders naheliegt, auch Förderschulen einzubeziehen.

          An der Kasinoschule, einer Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen im Stadtteil Höchst, gibt es zwei Intensivklassen, eine für Grund- und eine für Mittelstufenschüler. „Dort geht es nicht um sonderpädagogische Förderung, sondern um Alphabetisierung“, sagt Schulleiter Thomas Förster. Manche Kinder hätten großen Nachholbedarf, weil sie in den Herkunftsländern keinen Kindergarten und, wenn überhaupt, nur unregelmäßig die Schule besucht hätten. „Einige hatten mit neun Jahren noch keinen Stift in der Hand.“ Außer um Sprache und schulische Grundfertigkeiten gehe es auch um die „Hinführung an die deutsche Gesellschaft“, also um die Gewöhnung an Pünktlichkeit und andere Verhaltensnormen des täglichen Umgangs.

          Die Schulleiter können den Beschluss nicht verstehen

          Die Johann-Hinrich-Wichern-Schule in Frankfurt-Eschersheim hat eine Intensivklasse mit jugendlichen Flüchtlingen und Migranten. Martina Franke, die Leiterin der Förderschule, könnte sich gut vorstellen, noch weitere Intensivklassen zu bilden. „Wir haben Erfahrung, und ich glaube, wir machen es auch gut.“ Diese Überzeugung teilt auch Christoph Kleemann, der Leiter der Charles-Hallgarten-Schule in Frankfurt-Bornheim. Ein Vorteil der Förderschulen, der auch Flüchtlingen zugutekomme, seien die Übersichtlichkeit und der enge Bezug zwischen Schülern und Lehrkräften. „Ich kenne bei uns jeden mit Namen.“

          Auch junge Flüchtlinge, die keine direkten Kriegs- und Gewalterlebnisse zu verarbeiten hätten, müssten damit leben, aus ihrer vertrauten Umgebung oft gegen den eigenen Willen in eine völlig fremde Welt gerissen worden zu sein, sagt Kasinoschulleiter Förster. „Wir können das auffangen, wir sind eine Art Heimstätte.“ Die Förderschulen seien darauf spezialisiert, Kinder in ihrer gesamten psychosozialen Situation zu sehen und zu unterstützen.

          „Alle müssen, aber wir dürfen nicht.“

          Dass sie nun keine Intensivklassen mehr bilden sollen, können die Schulleiter nicht verstehen. Die Integration der Flüchtlinge sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, der sich auch ihre Schulform stellen wolle, sagt Franke. Der Erlass aus Wiesbaden erwecke den Eindruck, die Mitwirkung sei gar nicht gewollt. „Alle müssen, aber wir dürfen nicht.“ Kleemann bezeichnet es als „Unterstellung, dass wir nur unsere Förderschulen vollmachen wollen“. Es sei völlig klar, dass Schüler, die nur einen migrationsspezifischen Rückstand aufzuholen hätten, nach dem Besuch der Intensivklasse auf eine Regelschule wechseln würden. Andererseits gebe es unter den Flüchtlingen viele, die aufgrund ihrer Biographie andauernde Defizite hätten. Diese seien auch nach der Intensivklasse auf einer Förderschule gut aufgehoben.

          Der Erlass des Kultusministers lässt zwar die Möglichkeit offen, dass eine Intensivklasse an einer Förderschule unter der Hoheit einer allgemeinen Schule geführt wird, davon halten Förster, Franke und Kleemann aber wenig. Das werfe viele organisatorische Probleme auf, von der Zuständigkeit für die Lehrer bis hin zur Pausenaufsicht. Und es sei auch schlecht, wenn sich die Förderschüler zukünftig auf dem eigenen Schulhof als Schüler zweiter Klasse vorkommen müssten, sagt Franke.

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