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Kommentar : Happy Birthday, Hessen

Sahneschnittchen: Ministerpräsident Bouffier (links) und Landtagspräsident Kartmann mit der Geburtstagstore in Form und Farben des Landes Hessen Bild: dpa

Die Annahme der neuen Verfassung vor 70 Jahren gilt als Geburtsstunde Hessens. Die hessische Verfassung hat ihre größte Bewährungsprobe vielleicht noch vor sich.

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          Der fünfzigste Jahrestag der Gründung Hessens wurde 1995 gefeiert, der siebzigste wird 21 Jahre später begangen. Die krumme Zahl ist nicht etwa auf einen Rechenfehler im Protokoll der Landesregierung zurückzuführen, sondern Ausdruck verschiedener historischer Bezugspunkte: 1995 betrachtete man die Proklamation des Landes „Groß-Hessen“ durch die amerikanische Militärregierung am 19. September 1945 als maßgebend, in diesem Jahr ist es die Volksabstimmung über die neue Verfassung am 1. Dezember 1946.

          Das ließe sich als bemerkenswerte geschichtspolitische Akzentverschiebung interpretieren: Demnach betont die aktuelle Landesregierung den Eigenanteil der Hessen am Neustart in ein demokratisches Gemeinwesen, während das Kabinett Eichel die Rolle der Siegermacht stärker gewichtete.

          Aber eine solche Deutung ginge zu weit. Eine banale Erklärung liegt näher: Im vergangenen Jahr durfte Hessen die 25-Jahr-Feier der Wiedervereinigung ausrichten, da schien eine zweite Gedenk-Großveranstaltung binnen weniger Wochen wohl nicht opportun. So wird es während des Festakts heute im Staatstheater in Wiesbaden denn auch nicht an feierlichen Worten fehlen, in denen die Rolle der Vereinigten Staaten für die Entwicklung Hessens gewürdigt wird (siehe Seite 45).

          Das wird mit Blick auf den künftigen Präsidenten des Landes jedoch nicht ohne Beklommenheit passieren. Gut möglich, dass Historiker eines Tages auf die Jahre 2015/16 als epochalen Wendepunkt blicken werden. Viele Bürger haben schon jetzt das Gefühl, dass die Weltgeschichte mit Macht an das alles in allem doch sehr kuschelige deutsche und hessische Heim klopft, das erste Mal seit 1989, und dieses Mal vermutlich nicht im Guten.

          Die populistische Wende wird auch für die Landespolitik in Hessen, die mit der schwarz-grünen Koalition ein Übermaß an innerer Befriedung erreicht hat, dramatische Folgen haben. Die politische Kultur und mit ihr das Parteiensystem könnten schneller ins Rutschen kommen, als es sich mancher träumen lässt. Die Verfassung hätte dann ihre größte Bewährungsprobe noch vor sich. Auch deshalb ist es gut, dass man sich auf sie besinnt.

          Matthias Alexander
          Stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton.

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