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Pandemie in Hessen : Ein Kreis hat nun die dritte Corona-Warnstufe erreicht

Ausbruch: In einem Paketzentrum in Obertshausen sind fünf Dutzend Menschen corona-positiv Bild: Rainer Wohlfahrt

Die hessischen Gesundheitsämter haben nach einer Serie dreistelliger Neuinfektionen nur 37 neue Fälle gemeldet. Allerdings haben drei Großstädte und zwei Kreise die zweite Warnstufe erreicht, ein Landkreis liegt sogar darüber.

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          165, 186, 175, 211 und nun 37: So lautet die Reihe der von den hessischen Gesundheitsämtern zuletzt gemeldeten bestätigten Neuinfektionen. So ist es der Internetseite des für die Seuchenbekämpfung federführend zuständigen Robert-Koch-Instituts zu entnehmen. Die in der Nacht zum Montag übermittelten 37 Fälle klingen gut angesichts der über Wochen aufgebauten Serie dreistelliger neuen Covid-19-Fälle. Allerdings dürfte die zweistellige Zahl mit Vorsicht zu genießen sein, denn auch in den vergangenen Monaten kam es immer wieder zu einer solchen „Montags-Delle“.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Grund: Von Sonntag auf Montag melden längst nicht alle Gesundheitsämter neue Daten an das kurz RKI genannte Bundesinstitut. Und für Frankfurt weist das RKI nur zwei Infektionen mehr aus als am Sonntag. Das passt nicht zu der erwähnten Serie. An den sieben Tagen zuvor meldete die Mainmetropole insgesamt mehr als 200 neue Fälle. Frankfurt liegt mit einer Sieben-Tage-Inzidenz, das sind die binnen Wochenfrist bestätigten Neuinfektionen unter 100.000 Einwohnern, mit einem Wert von fast 27 deutlich innerhalb der zweiten Warnschwelle nach dem Eskalationskonzept des Landes (siehe Grafik). Dort ist erhöhte Aufmerksamkeit gefragt. Gleiches gilt für Offenbach und Darmstadt nach Neuinfektionen an mehreren Stellen sowie den Landkreis Marburg-Biedenkopf und den Landkreis Offenbach; dort sind am Wochenende fünf Dutzend neue Fälle in einem Paketzentrum  bekanntgeworden. „In den Darmstädter Kliniken hat die gesteigerte Inzidenz bisher noch keine direkten Auswirkungen, dies erfolgt jedoch nach aller Erfahrung auch mit einer zeitlichen Verzögerung. Derzeit befinden sich zwei schwer erkrankte, positive Patienten aus dem Landkreis Bergstraße im Klinikum in Behandlung“, teilt die Stadt Darmstadt mit.

          Erweiterte Schritte über erhöhte Aufmerksamkeit hinaus sind im benachbarten Kreis Groß-Gerau gefragt. Denn der hat am Sonntag die dritte Warnstufe erreicht und nun einen Inzidenzwert von 37,2 zu Buche stehen bei steigender Tendenz. Zudem muss dieser Landkreis deswegen in den Corona-Planungsstab des Landes eingebunden werden.

          Erfreulich ist dessen ungeachtet zweierlei: Dem RKI liegen keine weiteren Todesfälle in Zusammenhang vor. So bleibt es bei offiziell 550 Corona-Opfern seit März. 30 davon sind seit Anfang August hinzugekommen. Die vergleichsweise geringe Zahl liegt nach Einschätzung von Fachleuten wie der Frankfurter Virologin Sandra Ciesek an einem bestimmten Wandel: Im Gegensatz zum Frühjahr infizieren sich in diesen Wochen vermehrt jüngere Menschen statt Ältere wie noch im März und April. Sie sind in der Regel robuster und halten die Infektion besser aus als Senioren.

          Fast ein Fünftel in einer Klinik

          Zweitens geht das Berliner Institut von nunmehr 16.600 Genesenen aus, das sind rund 100 mehr als am Sonntag. Seit März hat es offiziell 18.644 Corona-Infektionen gegeben. Folglich sind fast 1500 Fälle noch aktiv, diese Infektionen also nicht ausgestanden. Zuletzt lagen knapp 260 Covid-Patienten in hessischen Kliniken, 45 von ihnen auf Intensivstationen. Das heißt: In etwa ein Fünftel der aktuell Infizierten muss in einem Krankenhaus betreut werden.

          Andererseits verbessert sich das statistische Verhältnis von Genesenen zu Todesfällen weiter. Es liegt nun bei 30,1 Genesenen je Corona-Opfer, ein neuer Spitzenwert seit Anschwellen der Pandemie im Frühjahr.

          Für Hessen weist das RKI bei der Sieben-Tage-Inzidenz, das sind die binnen Wochenfrist bestätigten Neuinfektionen unter 100.000 Einwohnern, einen Wert von 15,8 aus. Das ist noch unverdächtig. Für Kommunen liegt die kritische Schwelle bei 50. Berlin, Bremen, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Bayern rangieren allesamt vor Hessen, in dieser Reihenfolge. Rheinland-Pfalz kommt auf 10. Aktuelle Zahlen bietet das Corona-Bulletin des Sozialministeriums.

          Marburger Wartestand

          Derweil warten Forscher der Universität Marburg und Hamburger Kollegen nach wie vor auf die Erlaubnis aus dem Paul-Ehrlich-Institut, ihren Corona-Impfstoffkandidaten an Menschen testen zu dürfen. Dies sagte eine Sprecherin der Uni Marburg zuletzt der F.A.Z. Am Dienstag hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) beim Arzneimittelhersteller Sanofi eine Anlage zur Abfüllung eines Corona-Impfstoffs symbolisch in Betrieb genommen. Sanofi arbeitet aber noch an dem Vakzin. Wann es auf den Markt kommt, steht dahin.

          Aus Frankfurter Sicht ist grundsätzlich wichtig: Die am Flughafen genommenen positiven Tests werden nicht der Stadt zugeordnet. Vielmehr schlagen sie sich nach Angaben des Sozialministeriums in der Statistik des Gesundheitsamts nieder, das für den jeweiligen Reiserückkehrer zuständig ist. Das kann auch das Frankfurter Amt sein oder ein anderes in Hessen, aber eben auch eine Behörde in einem anderen Bundesland.

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          Wie das RKI der F.A.Z. weiter mitteilte, erhebt es Daten zur Zahl der Genesenen nicht offiziell. Die Erhebung sei auch nicht gesetzlich vorgesehen. „Allerdings kann man zumindest bei den Fällen, bei denen die meisten Angaben ermittelt wurden, die keine schweren Symptome hatten und die nicht in ein Krankenhaus eingewiesen wurden, davon ausgehen, dass sie spätestens nach 14 Tagen wieder genesen sind“, heißt es in Berlin. Das RKI schätze die Zahl der Genesenen.

          Das Sozialministerium veröffentlicht täglich eine Übersicht der Corona-Entwicklung, aufgeschlüsselt nach Kreisen und kreisfreien Städten. Es bezieht sich dabei auf Zahlen des RKI. Bis vor einigen Tagen berücksichtigte es auch Daten des Hessischen Landesprüfungs- und Untersuchungsamts im Gesundheitswesen beim Regierungspräsidium Gießen, dem die Gesundheitsämter die jeweils neuen Fälle melden müssen. Um Einheitlichkeit herzustellen, nimmt das Ministerium nun nur noch die RKI-Angaben.

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