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Hessen : Die Energiewende findet bisher vor allem anderswo statt

Energiewende, idyllische Variante. Bild: dpa

Das Abschalten ging in Hessen schnell, aber mit dem Aufbau neuer Erzeugungskapazitäten dauert es. Die Zeit drängt.

          5 Min.

          Ein kleines bisschen ist die Energiewende in Hessen auch in der vergangenen Woche wieder vorangekommen. Die Mainova hat in Frankfurt den Grundstein für eine Versuchsanlage gelegt, die Wind- und Solarstrom in Wasserstoff umwandeln soll. Falls es klappt, könnte dies ein weiterer Baustein sein auf dem Weg zu einer neuen Architektur der hessischen Energieversorgung. Denn Strom lässt sich nicht speichern. Wasserstoff aber schon. Die Mainova will damit das Erdgas in ihren Rohrleitungen strecken. Und ob man dieses Gemisch nun zum Heizen nutzt oder mit dem Erdgas später wiederum Strom produzieren wird: Erneuerbare Energien würden endlich auch Nutzen stiften, wenn weder Wind weht noch die Sonne scheint.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Anderswo hingegen beißt das Mainova-Management auf Granit. Der Energieversorger will im Frankfurter Stadtteil Nieder-Erlenbach vier Windräder aufstellen, doch die Deutsche Flugsicherung macht dem Konzern einen Strich durch die Rechnung. Sie möchte, dass Windräder mindestens 15 Kilometer entfernt von ihren Drehfunkfeuern stehen. Von Nieder-Erlenbach sind es aber nur elf Kilometer. Nun ruhen die Planungen.

          Weniger Windräder

          So knifflig hatte man sich die Energiewende nicht vorgestellt, als der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) 2011 nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima zum Energiegipfel lud und von Parteien und Verbänden kurzerhand entschieden wurde, von 2050 an solle der Wärme- und Strombedarf Hessens vollständig aus erneuerbaren Energien gedeckt werden. Zu den Gipfelbeschlüssen ging es im Sprint. Doch seitdem ist die hessische Energiepolitik ein mühsamer Querfeldeinlauf, und es ist nicht sicher, ob noch alle das einst propagierte Ziel im Blick haben.

          Beispiel Windräder, noch einmal. Nach wie vor hinkt Hessen hinter anderen Bundesländern her, was ihre Zahl angeht. Das lag lange Zeit daran, dass sich Masten mit einer Höhe von 140 Metern gar nicht aufrichten ließen. So viel muss es aber fern der Küsten schon sein, damit sich die Rotoren ordentlich drehen. Inzwischen geht das. Und auch an Investoren ist kein Mangel. Dank üppiger Subventionen locken phantastische Renditen von sechs Prozent vor Steuern, mit Staatsgarantie. Jedes Windrad, das man aufstelle, könnte man mehrfach verkaufen, frohlockt man beim Wiesbadener Projektentwickler Abowind.

          Handicap sei Umweltministerium

          Nur: Die Gegnerschaft ist zu groß, trotz Fukushima. Während etwa Rheinland-Pfalz, auch nicht eben eine Küstenregion, längst davongeeilt ist (siehe Grafik), sorgen sich vor allem in Südhessen Bürgerinitiativen um den Fernblick und Naturschützer um die Vögel. Ob die in der vergangenen Woche beschlossene Änderung des Landesentwicklungsplans den großen Schub bringt, steht dahin. 98 Prozent der Fläche Hessens sind nun vor Windrädern sicher. Wie schnell aber werden auf den verbliebenen zwei Prozent solche Masten aufgestellt? Im Mainova-Vorstand glaubt man nicht an den großen Boom, nur an eine Verstetigung der Entwicklung.

          Bei Abowind heißt es, das größte Handikap sei das hessische Umweltministerium selbst - jene Behörde also, die eigentlich für die Energiewende zuständig ist. Denn die neuen Naturschutzrichtlinien, die die Regierungspräsidien bei der Genehmigung von Windrädern berücksichtigen müssen, seien zu restriktiv. Und wenn die Flugsicherung nicht einlenkt, sind in Rhein-Main auch viele Areale perdu, die eigentlich zu den zwei Prozent der Landesfläche zählen, auf denen sich die Anlagen konzentrieren sollen.

          Ziel sei nicht zu schaffen

          Und Biomasse? Kommt nur in Teilen Hessens voran, nicht in den Ballungsräumen. Es sei schlicht zu teuer, Holz nach Frankfurt zu transportieren und zu verbrennen, heißt es bei den Versorgern. Photovoltaik? Teuer und doch mehr fürs gute Gewissen. Selbst die Wasserkraft ist in Hessen bedeutsamer, und schon ihr Beitrag zur Stromversorgung ist mangels Talsperren gering genug.

          Schließlich geht es auch bei den Einsparungen nicht recht voran. In jedem Jahr sollten drei Prozent der Wohngebäude energetisch saniert werden, so steht es in den Beschlüssen des Energiegipfels. Beim Wohnungsbauverband VdW Südwest kann man darüber nur lachen. Nicht einmal zwei Prozent seien zu schaffen. Zwar wird nach Kräften saniert. Aber es sollen ja auch noch Neubauten errichtet werden, wegen des Wohnungsmangels. Und Mieterhöhungen sollen auch gedeckelt werden. Woher das Geld für noch mehr energetische Sanierungen nehmen? Drei Prozent seien jedenfalls naiv, bekräftigt der Verband.

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