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Kultusministerium bleibt hart : Lorz will Kürzungen in Oberstufe fortsetzen

Quo vadis, Abitur? Kurse mit eher geringen Anmeldezahlen könnten künftig nicht mehr angeboten werden, warnen die Gymnasien. Bild: Wolfgang Eilmes

Die Kürzungen für gymnasiale Oberstufen sollen bestehen bleiben. Durch Investitionen in Ganztagsschulen, Inklusion und Integration werde die Chancengleichheit erhöht, so das Argument. Lehrer-, Eltern- und Schülerverbände protestieren weiter.

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          Das hessische Kultusministerium will an der umstrittenen Kürzung in der gymnasialen Oberstufe festhalten. Weder werde die zu diesem Schuljahr vollzogene Reduzierung der Lehrerzuweisung zurückgenommen, noch werde es Änderungen an den für die nächsten beiden Schuljahre geplanten Kürzungsrunden geben, sagte ein Ministeriumssprecher auf Anfrage. Unterdessen formiert sich weiterer Widerstand gegen die Einschnitte: Eine Petition der Landesschülervertretung hat 30.000 Unterstützer gefunden, Frankfurter Eltern bereiten für Anfang März einen Aktionstag vor.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nachdem es im Sommer zu ersten Protesten von Lehrerverbänden, Eltern und Schülern gekommen war, hatte Kultusminister Alexander Lorz (CDU) Vertreter der Gymnasien ins Ministerium eingeladen, um über die Folgen der Einsparungen für den Unterricht zu sprechen.

          Alexander Lorz,
Kultusminister,
begründet die Kürzung mit dem Ausbau von Ganztagsschulen, Inklusion und Integration.

          Die meisten dieser Fachgespräche hätten mittlerweile stattgefunden, sagte der Sprecher. Derzeit würden die Ergebnisse ausgewertet, und es werde über Konsequenzen beraten. Allerdings stünden die Kürzungen des sogenannten Oberstufenfaktors dabei nicht grundsätzlich zur Debatte. „Vielmehr gibt es Überlegungen, wie man bestimmte Härten abfangen kann.“

          Eine „maßvolle Kürzung“ in der Oberstufe sei nötig

          Als Grund für die Einschnitte gibt das Kultusministerium die Notwendigkeit an, Schwerpunkte zu setzen. Die „bildungspolitischen Herausforderungen“ lägen im Ausbau der Ganztagsschulen mit dem „Pakt für den Nachmittag“, in der Deutschförderung, der Inklusion und der Stellenzuweisung nach Sozialindex, also der Unterstützung von Schulen mit schwieriger Schülerschaft. Für diese Aufgaben würden zunächst Lehrerstellen genutzt, die wegen der zurückgehenden Schülerzahl verfügbar würden. Allerdings reiche diese „demographische Rendite“ nicht aus, deshalb sei eine „maßvolle Kürzung“ in der Oberstufe nötig.

          Reduziert wurde zu diesem Schuljahr die Stundenzuweisung in der sogenannten E-Phase, also im ersten Oberstufenjahr. In den nächsten beiden Schuljahren soll die Kürzung in der zweijährigen, aufs Abitur vorbereitenden Q-Phase folgen. Für ein mittelgroßes Gymnasium wie die Frankfurter Schillerschule bedeutet das, dass im ersten Oberstufenjahr nicht mehr 248, sondern 229 Lehrerstunden je Woche zur Verfügung stehen, im zweiten Oberstufenjahr wären es statt 235 nur noch 224, im dritten statt 214 nur noch 204.

          Nach Darstellung der Gymnasien bedeutet das, dass Grund- und Leistungskurse entfallen oder zusammengelegt werden müssten. In Frage dafür kämen zunächst solche mit geringen Anmeldezahlen. Am altsprachlich und musisch ausgerichteten Lessing-Gymnasium im Frankfurter Westend wären das etwa die Griechisch-Kurse, Leistungskurse in Musik, Geschichte und Chemie sowie Grundkurse in Erdkunde und Französisch.

          Das Kultusministerium verteidigt die Kürzungen - der Lehrerverband kritisiert

          Vor einer drohenden „Verflachung des Lehrplans und des Abiturs“ warnen etwa der Hessische Philologenverband, der Gymnasiallehrer vertritt, und die Vereinigung „Bildungsfaktor Abitur“, in der sich außer grundständigen Gymnasien auch Oberstufengymnasien, Kooperative Gesamtschulen und Integrierte Gesamtschulen mit Oberstufe zusammengeschlossen haben. Gefährdet seien nicht nur die „kleinen“ Disziplinen. Wegen der Zusammenlegung von Kursen werde auch die Qualität in Fächern wie Deutsch und Mathematik sinken.

          Das Kultusministerium verteidigt die Kürzungen mit dem Argument der Chancengerechtigkeit, die durch mehr Ganztagsschulen, Inklusion und Integration gestärkt werde. An der Bildung insgesamt werde nicht gespart: Während andere Bundesländer Lehrerstellen strichen, blieben sie in Hessen trotz sinkender Schülerzahl erhalten. Auch die Gymnasien hätten keinen wirklichen Grund zur Klage: Schließlich habe die Landesregierung dafür gesorgt, dass die Lehrerzuweisung insgesamt auf 104 Prozent, also über die Abdeckung des Lehrplans hinaus gestiegen sei. Zwar seien die Oberstufen nach der Kürzung schlechter gestellt, sie hätten aber immer noch deutlich mehr Stunden zur Verfügung als vor ein paar Jahren.

          Auch künftig hätten Gymnasien die Möglichkeit, durch geschickte Planung und Ressourcenverteilung kleine Kurse anzubieten, wenn sie für das Schulprofil wichtig seien. So könne eine Schule mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt einen Physik-Leistungskurs erhalten, indem sie die Schülerzahl in Grundkursen wie Deutsch oder Geschichte von 21 auf 24 erhöhe.

          Die Elternbeiräte und Schülerverbände protestieren

          Der Kulturpolitische Ausschuss des Landtags befasste sich in der vergangenen Woche mit einer Petition der Landesschülervertretung, die im Internet mehr als 30.000 Unterzeichner gefunden hat. Darin fordern die Schüler, die Angebotsvielfalt in der Oberstufe zu erhalten. Nur so sei es möglich, dass Schüler ihre Schwerpunkte auf Fächer legen könnten, „die ihnen Spaß machen und in denen sie leistungsstark sind“.

          Der SPD-Landtagsabgeordnete Turgut Yüksel kritisierte nach der Ausschusssitzung die „ignorante Haltung“ der schwarz-grünen Landesregierung. Schon jetzt sei eine Verschlechterung im Bildungsangebot der Oberstufe spürbar. Etwa in der Mint-Förderung, also in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, werde viel zunichtegemacht, was die Schulen in jahrelanger Profilbildung aufgebaut hätten.

          In Frankfurt planen die Elternbeiräte der Carl-Schurz-Schule, der Schillerschule, der Wöhlerschule, der Ziehenschule, des Lessing- und des Heinrich-von-Gagern-Gymnasiums für den 2.März ein „Protest-Fest gegen den Sparkurs in der Oberstufe“. Unterstützt wird die Aktion vom Stadtelternbeirat, der außerdem dazu aufruft, sich mit E-Mails an die Landesregierung und die Landtagsabgeordneten gegen die „Verschlechterung der Bedingungen, unter denen unsere Kinder Abitur machen“, und gegen die „Verwässerung oder Abschaffung unseres Schulprofils“ zu wenden.

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