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Suizidreihe in Frauengefängnis : „Und keiner macht was“

Tränen hinter Gittern: Im Warteraum für Besucher des Frauengefängnisses hängen Zeichnungen von Kindern der Inhaftierten. Bild: Marcus Kaufhold

Drei Frauen haben sich seit 2013 im Preungesheimer Frauengefängnis umgebracht. Im Ministerium heißt es, auf keinen dieser Suizide habe es zuvor Hinweise gegeben. Mitarbeiter berichten das Gegenteil.

          Es sind noch zwei Wochen, bis sich die 49 Jahre alte Frau in ihrer Zelle erhängen wird, und sie zittert. Jeden Tag, den ganzen Tag. Wenn sie über den Gefängnishof läuft, stolpert sie über ihre eigenen Füße. Sie ist schon seit Jahren drogenabhängig, aber jetzt geht es ihr richtig schlecht. Sie bittet um Hilfe, bei den Beamten, bei der Gefängnisärztin. Sie sagt, dass sie ihre Medizin nicht vertrage, hört aber immer nur, alles sei in Ordnung damit, alles sei in Ordnung mit ihr. Im Haus D der Justizvollzugsanstalt III in Preungesheim, in dem die langen Haftstrafen abgesessen werden und in dem es sonst recht ruhig zugeht, sorgen sich die Mitgefangenen, die Frau könne sich etwas antun. Mehrere sagen das den Beamten. Nichts passiert, bis am Abend des 21. Juli 2015 ein letztes Mal nichts passiert.

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es ist heiß an diesem Abend, und wieder klagt die Frau über Schmerzen und Wahnvorstellungen, so erzählen es die, die dabei waren. Seit mehreren Nächten hat die Gefangene nicht mehr geschlafen, in der Krankenabteilung bekommt sie etwas Baldrian. Irgendwann in den Stunden zwischen Zelleneinschluss und Zellenaufschluss versucht die Frau, sich mit Glasscherben die Pulsadern aufzuschneiden. Als das misslingt, erhängt sie sich mit dem Gürtel ihres Bademantels.

          Zahllose Hilferufe, die nichts bewirkten

          Zwei Wochen später wird der Fall öffentlich, und aus dem Justizministerium heißt es: Nichts habe darauf hingedeutet, dass die Frau sich etwas antun würde. Ein Satz, den Justizbeamte, Gefangene und Mitarbeiter des Gefängnisses in jeder Frankfurter Zeitung lesen können. Und der sie empört. Darf es sein, sagen sie, dass denen da draußen eine so falsche Vorstellung davon vermittelt wird, was hier drinnen passiert?

          Drei Mitarbeiter des Gefängnisses und vier Gefangene, einige davon inzwischen wieder frei, erzählen übereinstimmend von den letzten Tagen und Stunden der Frau aus Haus D, von den zahllosen Hilferufen, die nichts bewirkten. Konfrontiert mit den Vorwürfen, bleibt das Justizministerium dabei: Zwar sei die Gefangene „engmaschig medizinisch betreut worden“, einen „Hinweis auf Suizidalität“ habe es aber nicht gegeben. Erst als die Frau schon tot war, hätten Gefangene geäußert, sie hätten sich zuvor Sorgen gemacht. Noch so ein Satz, der die, um die es geht, empören wird.

          „Zwei Suizide hätten verhindert werden können“

          Gerade für Justizvollzugsbeamte ist es ungewöhnlich, dass sie sich an die Presse wenden. Viele zögern lange, bevor sie das tun, und alle, auch die Gefangenen, wollen nicht, dass ihr Name in der Zeitung steht. Für Beamte und Mitarbeiter kann das existentielle Folgen haben, die Gefangenen haben Angst vor Repressalien im Anstaltsalltag.

          Drei Frauen haben sich in den vergangenen drei Jahren in der JVA III, der einzigen Frauenhaftanstalt Hessens, umgebracht. Glaubt man den erfahrenen Beamten, die darüber sprechen, so ist das eine alarmierend hohe Zahl. Und mehr noch. „Fakt ist, zwei dieser Suizide hätten verhindert werden können“, sagt eine Mitarbeiterin des Gefängnisses. Gewiss ist nicht gesagt, dass es die Selbstmorde nicht gegeben hätte, wenn die Anstalt sich anders verhalten hätte. Aber viele in der JVA quält zumindest die Frage.

          Überlastetes Personal

          In jedem Gefängnis ist Suizidprävention ein Thema, und dafür braucht es, neben vielem anderen, eine gute medizinische Versorgung. Das Justizministerium sagt, die Gefangenen erhielten die „ihnen zustehende notwendige, ausreichende und zweckmäßige medizinische Versorgung“. „Die medizinische Versorgung ist die reinste Katastrophe“, sagt dagegen eine Gefangene. Ihre Mitinhaftierten und die Mitarbeiter der Anstalt bezeichnen die Situation als miserabel, sie sagen, dass die Anstaltsärztin unerfahren und konfus sei, und beklagen, es gebe zu wenig Personal.

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