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Zum neuen Schuljahr : Stuf’ um Stufe

Warten auf den großen Moment: Kinder bei der Einschulung Bild: dpa

Und jedem Anfang wohnt eine Phrase inne: Hermann Hesse wird im Unterricht nicht mehr oft gelesen, aber gern zitiert. Mit Blick auf die Einschulung ist auch von Anfangszauber die Rede.

          Wenn nicht alles täuscht, dann ist Hermann Hesse in den Schulen nicht mehr ganz so angesagt, wie er es in den siebziger und achtziger Jahren einmal war. Zumindest nicht als Lektüre im Deutschunterricht. Bei Reden zu Einschulungsfeiern führt allerdings kaum etwas um den Literaturnobelpreisträger herum. Vor allem nicht um sein Wort vom Anfang, dem angeblich immer ein Zauber innewohnt.

          Hesses „Stufen“ mit ihrer Metaphorik von Aufbruch und Reise passen aber auch zu gut zum ersten Schultag und der von ihm evozierten familiären Gefühlslage. Die Blüte der frühen, unbeschwerten Kindheit welkt dahin, doch es folgt eine neue Lebensstufe, auf der – so verheißt es zumindest der Dichter – eine andere Weisheit und Tugend blüht, man braucht Mut, um sich in andre, neue Bindungen zu begeben und auch das Herz der Eltern muss „bereit zum Abschied sein und Neubeginne“.

          Eine Sonderkonjunktur erfährt Hesse dieser Tage in Frankfurt. Dort kommen nicht nur, wie überall in Hessen, die Abc-Schützen in die Schule, sondern es eröffnen auch allenthalben neue Bildungsstätten. Das geschieht freilich nicht allein um des zauberhaften Anfangs willen, sondern vor allem aus demographischen Gründen. Wegen des Kinderreichtums bleibt gar nichts anderes übrig, als Jahr für Jahr neue Schulen zu gründen und „Stuf’ um Stufe“ aufzubauen.

          Der Anfangszauber

          Als nun im Frankfurter Stadtteil Bockenheim die 16. Integrierte Gesamtschule unter dem ziemlich prosaischen Namen „IGS im Frankfurter Norden“ den Betrieb aufnahm, bemühten gleich zwei Rednerinnen den Satz vom Anfangszauber. Und möglicherweise ist er auch heute wieder zu hören, denn der Reigen der Eröffnungen setzt sich fort.

          Im besonders fruchtbaren Neubau-Stadtteil Riedberg nimmt die dritte Grundschule den Unterricht auf. Während sich die Kinder dort mit einer unspektakulären Container-Anlage begnügen müssen, eröffnet im Westend das Adorno-Gymnasium ein paar Stunden zuvor einen Neubau, der sich rühmen darf, das größte Holzmodulgebäude der Welt zu sein.

          Bleibt zu hoffen, dass die Hesse-Begeisterung dann nicht völlig überschwappt und ein Festredner die Gäste mit der Zeile „Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten“ zu einem Rundgang durch die lichte Holzmodularchitektur einlädt.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

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