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Herkunft deutscher Wölfe erforscht : Gen-Analyse gegen die Mär vom bösen Wolf

  • -Aktualisiert am

Im Genpool: Ein junger Wolf Bild: dpa

Forscher des Senckenberg-Instituts in Gelnhausen analysieren die DNA von Wölfen. Die Tiere sind zurück in Deutschland - und mit ihnen alte Vorurteile.

          Ein unscheinbares Päckchen von der Post. Darin sind zwei kleine Plastikdosen mit gelben Deckeln. „Der Postbote bringt uns jede Woche Kot und ahnt nichts davon“, amüsiert sich Carsten Nowak. Er ist Leiter des Fachgebiets Naturschutzgenetik am Senckenberg-Forschungsinstitut in Gelnhausen. Der Kot stammt von Wölfen, deren Desoxyribonukleinsäure (DNA) der promovierte Biologe und sein Team auf der Spur sind. Die Proben werden in der Nähe von Waldwegen gesammelt, an denen Wölfe ihr Revier markieren. Mit Alkohol konserviert, werden die Proben nach Gelnhausen geschickt.

          Seit 2009 ist das Senckenberg-Institut im Auftrag des Bundesamts für Naturschutz das Referenzzentrum für Wolfsgenetik in Deutschland. Deshalb bekommt das Institut Kot-, aber auch Haar-, Blut-, Speichel- und Gewebeproben aus dem gesamten Bundesgebiet.

          Mit Hightech der Inzucht auf der Spur

          Nowak, 37 Jahre, blond, Vollbart, Brille mit schwarzem Gestell, nennt sich selbst einen „Nerd“, einen Fachidioten. Tatsächlich referiert er in seinem Büro im Erdgeschoss des Funktionsbaus ausführlich und leidenschaftlich über Molekularbiologie und Wölfe - seine Passion. Er schwärmt von der neuen Technologie im Forschungsinstitut. Ihr ist es zu verdanken, dass der „genetische Fingerabdruck“ wesentlich schneller, präziser und günstiger analysiert werden kann.

          Der über den Wolf forscht: Carsten Nowak

          Dazu wird aus den Proben die DNA herausgefiltert. Was früher von Hand erledigt wurde, macht heute ein Roboterarm. Teile der Probe werden zusammen mit einer Lösung in ein Silikatsäulchen, ein Minifläschchen mit Membran, gegeben und geschüttelt. Dadurch löst sich die DNA vom Material. Der Vorgang findet in einem unscheinbaren grauen Kasten mit blauer Plexiglasfront statt. Früher wurden die Flüssigkeiten von Hand mit einer Pipette auf die Proben aufgetragen. Häufige Verunreinigungen durch Tröpfchen sorgten für ungenaue Ergebnisse. Im zweiten Arbeitsschritt kommt das neue Hightech-Verfahren zum Einsatz. Die Forscher nutzen 96 sogenannte Single Nucleotide Polymorphisms (SNPs), um das Erbgut der Wölfe zu charakterisieren. Die SNPs sind DNA-Fragmente, die für unterschiedliche Genpools von Populationen stehen. Man könnte also sagen, die 96 SNPs stehen für 96 verschiedene Wolfstypen. Dann werden diese unterschiedlichen SNPs jeweils mit einem kleinen Teil der einzelnen Probe gemischt. Hierbei wird ein Fluoreszenzfarbstoff aktiviert, der für die jeweilige Mutation spezifisch ist. Ein hochsensible Optik wertet die Leuchtimpulse aus. Am Rechner werden die Signale sichtbar und in Genotyp-Information übersetzt. Mit ihnen unterscheiden die Forscher Individuen, ermitteln genetische Vielfalt, erstellen Rudelstammbäume, schätzen Inzuchtraten und finden die Herkunft des Wolfs heraus.

          Kein Gameboy: Was aussieht wie ein Spielzeug der neunziger Jahre, ist moderne Technik zur Analyse der DNA-Bausteine von Wölfen.

          „Westerwaldwolf“ weit gereist

          Das funktioniere viel genauer als frühere Methoden, die in der Interpretation der Ergebnisse subjektiv gewesen seien, sagt Nowak. Die Standardisierung macht die Resultate ausländischer Labore nutzbar. Würde man das Gerät in Bangkok aufstellen, kämen Forscher dort mit denselben Proben auch zu denselben Ergebnissen, erläutert Nowak. So ermöglicht die neue Methode eine verbesserte internationale Zusammenarbeit zwischen den Instituten. Das sei wichtig, weil sich Wölfe nicht an Staatsgrenzen hielten, sagt Nowak. „Wölfe können in wenigen Wochen Tausende Kilometer laufen.“

          Ein Wolf, der 2012 im Westerwald geschossen wurde, ist dafür ein gutes Beispiel. Genetische Analysen in Gelnhausen haben gezeigt, dass es sich bei dem „Westerwaldwolf“ um ein von italienischen Forschern auf den Namen Pierre-Luigi getauftes südeuropäisches Tier handelt. Damit aber nicht genug: Die DNA konnte außerdem einer Haarprobe zugeordnet werden, die 15 Monate vorher bei Gießen vom Kühler eines Unfallfahrzeugs genommen wurde. Die Fahrerin war fest davon überzeugt, entgegen jeder Wahrscheinlichkeit einen Wolf angefahren zu haben. Die DNA-Probe brachte damals den Beweis und für Nowak später die Erkenntnis: „Der geschossene Wolf hat sich trotz der erheblichen Verletzung über ein Jahr ernährt und ist dennoch nicht auffällig geworden. Wölfe sind Opportunisten, sie kommen auch mit Handicaps zurecht.“

          Erste Wolfswelpen in Sachsen

          Lange Zeit galten Wölfe in Deutschland als ausgerottet. 1904 soll es in der Lausitz das letzte Raubtier gegeben haben. Das stimmt nach Ansicht der Forscher nicht. Die Verfolgung der Wölfe seit dem 17. Jahrhundert verdrängte die Rudeltiere letztlich nach Süd- und vor allem Osteuropa. Von dort kehrte der deutsche Wolf auch wieder zurück. Das Jagen der Wölfe ist seit 1990 verboten. Es dauerte zehn Jahre, bis Grauwölfe in der Lausitz wieder entdeckt wurden. Viele osteuropäischen Staaten haben erst mit ihrem Beitritt zur EU die Tiere unter Schutz gestellt. Schnell wanderten Rudel aus Gebieten mit großer Wolfsdichte über die Grenze.

          In der Muskauer Heide in Sachsen wurden die ersten Welpen auf einem Truppenübungsplatz der Bundeswehr geboren: Sunny und Einauge. Den beiden gelang es, acht Jahre in Folge Nachwuchs zu gebären, beide hatten polnische Wölfe zu Partnern auserkoren. Einauge hat 42 Welpen auf die Welt gebracht. Die beiden Schwestern sind Ahnen der meisten Rudel in Deutschland. Das Leben im Rudel sei im Prinzip so langweilig wie in menschlichen Familien, sagt Nowak. Sei einer groß genug, müsse er hinaus. Kämpfe mit den Eltern gebe es nicht, der Nachwuchs verlässt sie nach einem Jahr und bekommt mit zwei Jahren Nachwuchs - wenn ein Partner gefunden wird.

          „Wolfsstreichler“ und „Ökotaliban“

          Aktuell leben etwa 35 Rudel in Deutschland, der Bestand ist auf rund 150 ausgewachsene Tiere gestiegen. Die meisten leben im Osten des Landes. „Deutschland ist ein Paradies für Wölfe“, erklärt Nowak, vor allem mit Hinblick auf alte Bundeswehrgelände.

          „Wolfsstreichler“ und „Ökotaliban“ werden Nowak und seine Kollegen wegen ihrer Forschung von Kritikern abschätzig genannt. Unter Jägern, Landwirten und Bewohnern von Gebieten, in deren Nähe Rudel auftauchen, werden alte Ängste wach. Wölfe könnten Menschen angreifen, Schafe und Kühe reißen und bedrohte Tiere verdrängen. Wolfsgegner organisieren sich, etwa im „Bündnis gegen Wölfe“, das 2011 in Brandenburg gegründet wurde, und in dem umstrittenen Verein „Sicherheit und Artenschutz“ aus der Lausitz. Sie wollen den Schutz lockern und fordern, dass Wölfe wieder gejagt werden dürfen.

          Dabei hat eine aufwendige Studie des Görlitzer Senckenberg-Instituts 2012 widerlegt, dass Wölfe Nutz- und Haustiere gefährden: 96 Prozent von 3000 Wolfs-Kotproben mit Resten von Haaren, Knochen, Hufen oder Zähnen stammten von wilden Huftieren - also von Rehen, Rotwild und Wildschweinen -, drei Prozent von Hasen und weniger als ein Prozent von Nutztieren.

          Nowak hält die Ängste der Wolfsgegner für unbegründet. Zumal es in Deutschland noch keinen Angriff auf einen Menschen gegeben hat. Er möchte dennoch helfen, Vorurteile über die scheuen Wildtiere abzubauen und „ein gutes Wolfsmanagement“ zu betreiben. „Hierzu brauchen wir Informationen über die Ausbreitung, Herkunft und genetische Diversität der Tiere.“ Die Gelnhausener Studie soll helfen, mit der Mär vom bösen Wolf aufzuräumen.

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