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Henkell wird Marktführer : Weltmeister des Schaumweins

Marktführer: Henkell ist der größte Sektproduzent der Welt. Bild: dpa

Deutschland ist Weltmeister – zumindest in der Sektproduktion. Denn mit der Übernahme des Konkurrenten Freixenet ist Henkell nun Marktführer.

          Im Sekttrinken sind die Deutschen ungeschlagene Weltmeister, köpften sie im vergangenen Jahr doch mehr als 400 Millionen Flaschen Schaumwein. Damit rinnen – statistisch gesehen – jedem Bundesbürger immerhin 3,8 Liter die Kehle hinunter. Das ist ein großer Schluck aus der Sektpulle, und den darf sich jetzt auch Henkell & Co. gönnen. Denn die Europäische Kommission hat der Übernahme des spanischen Konkurrenten Freixenet zugestimmt. Über den Preis kann – wie in solchen Fällen üblich – nur spekuliert werden, denn die Beteiligten hüllen sich in Schweigen. Nach Berichten von Branchenkennern war Freixenet zuletzt mit rund 440 Millionen Euro bewertet worden. Demnach haben die Wiesbadener, die 2017 auf einen Jahresumsatz von knapp 530 Millionen Euro kamen, etwa 220 Millionen Euro für 50,67 Prozent der Aktien auf den Tisch gelegt.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Für die durstigen deutschen Sektliebhaber ändert sich dadurch wohl nichts. Für die Branche allerdings schon. Galt bislang stets das Prinzip, dass die Großen die Kleinen schlucken und dadurch noch größer werden, so hat es mit Freixenet nun ein traditionsreiches Schwergewicht der Schaumweinbranche getroffen. Doch die Spanier drückten dem Vernehmen nach schon länger nicht geringe wirtschaftliche Sorgen, während Henkell aus dem finanziell höchst potenten Haus Oetker offenbar auf eine gutgefüllte Kriegskasse zurückgreifen kann, wenn sich marktstrategisch bedeutsame Chancen eröffnen. Und eine solche ist der Kauf von Spaniens größtem Getränke-Exporteur und weltweit führendem Cava-Hersteller allemal.

          Übernahme wird langwierig

          Freixenet hat Dependancen in 19 Ländern weltweit, darunter die Vereinigten Staaten, Argentinien, China und Australien. Seine Erzeugnisse werden in 109 Länder exportiert. Und mit einem Jahresumsatz von zuletzt rund 535 Millionen Euro lagen die Spanier sogar ganz knapp vor Henkell, das selbst ein Schwergewicht ist. Henkell hat Tochtergesellschaften in 22 Ländern, die ebenfalls in mehr als 100 Länder rund um den Globus exportieren. Mit Sekt, Wein, Prosecco und Spirituosen ist Henkell Marktführer.

          Breit aufgestellt: Der Wiesbadener Firmensitz der Sektkellerei Henkell

          Eine Übernahme auf Augenhöhe bedarf bisweilen eines langen Atems. Schon im Frühjahr 2016 war die Übernahmeofferte an die Katalanen bekanntgeworden. Die spanische Wirtschaftspresse berichtete seinerzeit zuerst von dem Gebot aus Hessen für den Mehrheitsanteil an Freixenet. Danach hieß es offenbar abwarten und Tee trinken. Dass erst im März dieses Jahres der Kaufvertrag unterzeichnet wurde, soll unter anderem am anfänglich heftigen Widerstand einer der Eigentümerfamilien, am plötzlichen Tod eines Mitgesellschafters und an den Auswirkungen des katalanischen Freiheitskampfs gelegen haben. Denn der Stammsitz von Freixenet ist Sant Sadurní d’Anoia, und das liegt gar nicht weit von Barcelona. Das Unternehmen soll sogar eine Verlagerung des Firmensitzes erwogen haben, um wirtschaftlich nicht in den Strudel des politischen Ringens um Unabhängigkeit zu geraten.

          Geduld von Henkell hat sich ausgezahlt

          Doch die Geduld von Henkell hat sich am Ende ausgezahlt. Die Spanier werden von Henkell auch nicht nur einfach geschluckt und ihre Marken ins Sortiment eingereiht, wie es deutlich kleineren Mitbewerbern in der Vergangenheit ergangen ist. Vielmehr ist von einer „strategischen Partnerschaft“ die Rede. Nach der Übernahme der Freixenet-Anteile der Familien Hevia und Bonet wird mit den verbliebenen Anteilseignern ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet. Und nach einer Kapitalerhöhung durch den Ehrenpräsidenten von Freixenet, José Ferrer Sala, werden ihm und José Luis Bonet Ferrer zusammen 50 Prozent des Aktienkapitals an Freixenet gehören, Henkell die anderen 50 Prozent. Offen bleibt die Frage, wo im Fall der Fälle die letzte Entscheidung getroffen wird. Vieles spricht für Wiesbaden.

          Prüfender Blick: Ein Mitarbeiter bei der Endkontrolle.

          Henkell sieht im Ergebnis der Transaktion einen guten Grund, die Korken knallen zu lassen, denn die neu entstandene, „weltweit führende Schaumweingruppe“ ermögliche den Zugang zu neuen Märkten und Vertriebskanälen. Tatsächlich ergänzen sich die beiden Unternehmen vor allem im Hinblick auf ihre Exportanstrengungen auf verschiedenen Kontinenten recht gut. Mit Spannung wird zu beobachten sein, ob Freixenet seine bisweilen offensiven und auch preisaggressiven Anstrengungen, sich ein möglichst großes Stück vom lukrativen deutschen Sektmarkt zu sichern, einfach so fortsetzen wird.

          Die Vielfalt dieses Marktes ist auch im internationalen Maßstab sehr groß, die Zahl der Erzeuger dagegen überschaubar klein. Denn der größte Sektmarkt der Welt wird nun nur noch von drei Riesen beherrscht. Am Regal im Einkaufsmarkt ist das nicht zu erkennen, denn die vermeintliche Markenvielfalt vermittelt dem unbedarften Sektkäufer ein völlig falsches Bild. Kupferberg und Deinhard, Fürst von Metternich und Söhnlein Brillant, Schloss Rheinberg und Carstens SC, Menger-Krug und jetzt auch Freixenet, das alles sind Sekte im Portfolio von Henkell und Co. Der schärfste Konkurrent, Rotkäppchen-Mumm in Freyburg und Eltville, bietet neben Mumm und Rotkäppchen auch Jules Mumm und „MM extra“ sowie die Nobelmarke Geldermann an. Und Schloss Wachenheim konkurriert unter anderem mit Faber und Feist, Belmont und Hanse Sekt um die Gunst der Freunde des Perlenspiels im Glas.

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