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Helmut Ortner : Der Mann, der Papier liebt

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Kunstfreund vor Kunstwerk: Helmut Ortner im Frankfurter Städel, im Hintergrund ein Bild von Hermann Nitsch. Bild: Röth, Frank

Er hat keine Berater, keine Mitarbeiter, ist dennoch erfolgreicher Unternehmer. Helmut Ortner schreibt Bücher und entwickelt Zeitungen. Die Ideen hat er beim Radfahren.

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          Gerade erst ist er wieder einmal hundert Kilometer am Rhein entlanggeradelt, nur mal so zum Spaß. Keine große Sache. Nicht für Helmut Ortner, der in seiner Jugend mehrfach Radrenn-Hessenmeister und Frankfurter Straßenmeister war. Ein Leben ohne Rennrad? Kaum vorstellbar, sagt der Zweiundsechzigjährige, der jedes Jahr mehr als 7000 Kilometer auf dem Zweirad fährt. Wenn er nicht gerade schreibt oder Printmedien überarbeitet.

          Fast 100 Magazine und Zeitschriften hat der Journalist und Autor bislang überarbeitet oder gleich ganz neu entwickelt und mehr als 30 Bücher veröffentlicht. Es sind erzählende Sachbücher, die sich vorwiegend mit zeitgeschichtlichen Themen befassen, Bücher wie „Sacco und Vanzetti. Zwei Italiener in Amerika. Ein Justizmord“ oder „Der Hinrichter. Roland Freisler - Mörder im Dienste Hitlers“. Sein vielleicht wichtigstes und sicher bekanntestes Buch ist das über Georg Elser: „Der Mann, der Hitler töten wollte“. Unlängst ist es in der zehnten Übersetzung erschienen, in den Vereinigten Staaten von Amerika, und dort gleich unter die Top 100 gekommen - eine absolute Ausnahme für ein deutsches Werk.

          „Immer Umwege gegangen“

          Jetzt könnte das Gespann von Mann und Rad eine perfekte Metapher abgeben: für die Mühen des Aufstiegs, für das Zähnezusammenbeißen, für den Verzicht, der mit Erfolg belohnt wird. Wäre aber alles falsch. Zum einen steht, wie er selbst sagt, das Rad für ihn höchstens für geistige Freiheit, für die perfekte Gelegenheit „zur Reflexion, Kompensation, zum Umdenken und zur Ideenfindung“. Zum anderen verkörpert der in Burghausen an der Salzach geborene Ortner die Antithese zu vielen gängigen Erfolgsmythen: dass die Gerade die geometrisch korrekte Form einer ordentlichen Karriere darstellt; dass man es mit furchtloser Eigenwilligkeit allenfalls bis hinter das Steuer eines Taxis schafft. Oder dass man ohne wenigstens einen Praktikanten zu beschäftigen, ohne einen Twitter- oder Facebook-Account zu haben, praktisch gar nicht existiert auf dem Planeten Business.

          Bei Helmut Ortner war und ist immer alles anders. „Ich bin nie auf den Hauptstraßen unterwegs gewesen, bin immer Umwege gegangen“, sagt er. Das mag auch an seinen unkonventionellen Eltern gelegen haben, die mit den beiden Söhnen von Bayern nach Frankfurt-Höchst umsiedelten, als Helmut sieben Jahre alt war. „Mein Bruder und ich konnten uns in jeder Weise frei entwickeln.“ Allein als sich der Termin der Kommunion nähert, nimmt der Vater sanften Einfluss. Er bietet als Alternative ein Paar Fußballschuhe, die Adidas La Plata. „Natürlich habe ich mich für die Adidas entschieden.“

          Er schließt sich Amnesty International an

          Helmut Ortner absolviert eine verkürzte Schriftsetzerlehre, geht danach sofort an die Hochschule für Gestaltung in Offenbach, ist Kriegsdienstverweigerer. Nicht, weil das damals praktisch zur Studenten-Grundausstattung gehört hätte, auch nicht aus Pazifismus. „Ich habe es einfach abgelehnt, irgendwelche Hemden auf Stoß in irgendwelche Spinde zu legen.“ Stattdessen leistet er Zivildienst, fährt 15 Monate lang in einem Rotkreuzrettungswagen mit. Eine prägende Zeit sei das gewesen. „Ich wurde das erste Mal mit dem Tod konfrontiert, aber auch mit Geburt.“

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