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Helmut Lotti in Frankfurt : Mit dem großen Schmeichelpinsel

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Schluchzende Geigen statt Groove: Helmut Lotti singt auf seiner aktuellen Tournee Soul-Klassiker. Bild: dpa

Mit „Soul Classics in Symphony“ bleibt Helmut Lotti seinem Konzept treu. Für einen Abend lässt er die Damenwelt von der großen romantischen Erfüllung träumen.

          Klischees mag Helmut Lotti gar nicht. Dabei bedient der Belgier seit bald drei Jahrzehnten aufs schönste Bilder vom Schmusesänger, Traum aller Schwiegermütter oder romantischen Herzensbrecher. Doch kommt das Gespräch auf diese Stereotypen, winkt der 49 Jahre alte Flame, der in seiner Karriere bisher mehr als 13 Millionen Tonträger verkauft hat, nur leicht genervt ab: „All das habe ich nicht erfunden, und ich beschäftige mich auch nicht mit solchem Blödsinn.“

          Blödsinn? Wer einmal ein Konzert des Sängers und dessen Golden Symphonic Orchestra besucht hat, weiß nur zu gut, dass solche Bilder nicht gar so weit hergeholt sind, lässt der smarte Mann doch da zumindest für einen Abend die Damenwelt von der großen romantischen Erfüllung träumen: Lotti gibt den Charmeur, umgarnt und flirtet, schmalzt, säuselt und setzt seinen Unschuldsengel-Blick auf – und die Damenwelt liegt ihm zu Füßen, wie nicht nur die roten Rosen, kleinen Briefchen und liebevoll verpackten Präsente zeigen. Zumal Lotti auf der Bühne nicht allein musikalisch nur zu gern das Glück der großen Liebe beschwört, um dies im Gespräch mit Blick auf sein eigenes Privatleben dann ganz nüchtern wieder zu relativieren: „Von der großen Liebe rede ich nicht – solche blödsinnigen Formulierungen nehme ich nicht in den Mund.“ Zumindest nicht mehr: Gebranntes Kind scheut eben das Feuer, nach drei gescheiterten Ehen wird auch der größte Schmeichler vorsichtiger.

          „Für mich ist die Melodie das Wichtigste“

          Seiner Vorliebe für romantische Melodien haben diese Erfahrungen indes keinen Abbruch getan: „Für mich ist die Melodie das Wichtigste“, sagt er, und der Profi in ihm weiß nur zu gut, dass „es auf meinen Alben auch Romantik geben muss“. Eine Erwartungshaltung, die sich dank seines alles gleichmäßig weich spülenden Orchesters selbst im aktuellen Soul-Programm erfüllen lässt, mit dem Lotti nach der Veröffentlichung seines neuen Albums im September vergangenen Jahres nun auf Tour geht: Statt knackiger Grooves fluten hier „Soul Classics in Symphony“ die Gehörgänge. Auch sonst ist der Sänger seinem Erfolgsrezept treu geblieben – wie schon bei seinen Latino- oder Swing-Ausflügen bedient er sich großer Hits des Genres, diesmal etwa „Wonderful World“ und „My Girl“, in eigenen, sinfonisch anmutenden Arrangements. „Ich habe nun mal keine schwarze Stimme, da wäre es lächerlich, wenn ich versuchen würde, eine solche zu imitieren“, kommentiert Lotti ganz nüchtern seine Herangehensweise.

          Dieser berufliche Pragmatismus scheint dem Künstler auch privat eigen zu sein: Vergangenes Jahr wurde bei ihm eine Form von leichtem Autismus diagnostiziert. Statt sich abzuschirmen, machte der Sänger diese öffentlich: „Es hat mich beruhigt – ich weiß jetzt, was los ist.“ Dass er einen „anderen Blick auf die Welt“ habe, sei ihm schon früher aufgefallen: „Ich habe gedacht, ich sei einfach anders – so wie bei den Pavianen.“ Lotti, der Primat? Doch der Sänger führt den Vergleich ganz ernsthaft fort: „Da gibt es in der Gruppe einen Führer, einen, der ihm den Rang streitig macht, viele andere Affen, die ihm folgen – und einer sitzt in der Ecke, schaut sich alles an und macht nicht mit: Das bin ich.“

          Das stets wohlondulierte Toupet ist Vergangenheit

          Solche Offenheit überrascht in einer Branche, die sonst vor allem auf den schönen Schein bedacht ist. Doch Lotti scheinen solche Idealbilder wenig zu interessieren. Der begeisterte Radrennfahrer blüht jenseits der Bühne vor allem in der Abgeschiedenheit seines alten Bauernhofs am Rande der Ardennen auf, wie er erzählt: „In der Natur fühle ich mich nie einsam, sondern als ein Teil des großen Ganzen.“ Und dann schwärmt er von jenem gewaltigen Hinkelstein aus gallischer Zeit, der ganz in der Nähe seines Hauses zu finden sei – „so ein Menhir, wie ihn Obelix immer auf dem Rücken getragen hat“.

          Sportliche Herausforderungen hätten ihn schon immer fasziniert – und das nicht nur, weil der kleine Helmut einst eigentlich der belgischen Rad-Legende Eddy Merckx folgen wollte. Bis der Traum dann zerstob, als seine Mutter ihn für einen Gesangswettbewerb im Fernsehen anmeldete und ihr Sohn bereits kurz nach dem Finale seinen ersten Hit landete – seither singt er nur noch. Allein das allzu schöne Bild vom akkurat gegelten, blonden Sänger ist inzwischen einer grauen Stoppelfrisur gewichen: Das stets wohlondulierte Toupet hatte ihm seinerzeit sein damaliger Manager empfohlen, auf dass der Schwiegermutter-Traum auch optische Gestalt annehme. Doch das ist Vergangenheit. „Ich bin ganz einfach älter geworden und werde das auch nicht mehr verstecken“, sagt Lotti zu seinem Äußeren. Selbst wenn dies so manches wohl gepflegte, öffentlichkeitswirksame Klischeebild zerbrechen lässt: Helmut Lotigiers, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, scheint tatsächlich seinen inneren Frieden mit dem Künstler Helmut Lotti geschlossen zu haben.

          Helmut Lotti & The Golden Symphonic Orchestra treten am 16. Januar von 20 Uhr an in der Jahrhunderthalle Frankfurt auf.

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