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Helios-Klinik Bad Schwalbach : „Wir brauchen die Klinik“

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Widerstand: Gegen die Schließung der Helios-Klinik in Bad Schwalbach regt sich im gesamte Rheingau-Taunus-Kreis Protest. An einer Demonstration, zu der die Stadtverordneten aufgerufen hatten, kamen etwa 400 Menschen, darunter auch Mitarbeiter der Klinik. Bild: Michael Kretzer

Etwa 400 Menschen demonstrieren am Samstag in Bad Schwalbach gegen die Pläne des Medizinkonzerns Helios, die dortige Klinik zu schließen. Viel Hoffnung auf Erfolg haben sie jedoch nicht.

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          „Hoffnung besteht immer, deswegen sind wir ja hier.“ Nicole Hartmann hat Angst, wie sie eingesteht. Die junge Frau hat eine Herzkrankheit und ist im Notfall auf schnelle medizinische Hilfe angewiesen. Bis jetzt bekam sie die in der Helios-Klinik Bad Schwalbach. Damit ist jedoch Schluss, wenn das Krankenhaus wie geplant geschlossen wird. „Wir sind auch deswegen nach Bad Schwalbach gezogen, weil die Klinik hier ist“, sagt sie. „Wir brauchen die Klinik“, ergänzt ihr Lebensgefährte.

          Etwa 400 Menschen haben sich am Samstag vor dem Rathaus der Rheingau-Taunus-Kreisstadt versammelt, um gegen die Schließung der Helios-Klinik zu demonstrieren. Eingeladen hatten die Fraktionen der Stadt unter dem Motto „Wir sagen Ja zum Erhalt der Helios-Klinik in Bad Schwalbach“. Im gesamten Kreisgebiet melden sich immer mehr Menschen, die darauf hinweisen, wie wichtig die Klinik für die medizinische Versorgung ist. Dass Bund und Land die umstrittenen Pläne von Helios auch noch mit rund 13,5 Millionen Euro subventionieren wollen, stößt vielen besonders bitter auf. „Das ist eine Schweinerei. Das sind unsere Steuergelder“, schimpft eine junge Frau, während sie mit den anderen Demonstranten durch Bad Schwalbach zieht.

          Die Angestellten wollen kämpfen

          Sie ist Krankenschwester und arbeitet in der Klinik. „Wir haben aus der Zeitung davon erfahren, dass wir schließen“, sagt sie und ergänzt: „Das geht doch gar nicht. Wir konnten unsere Patienten schon so oft nicht in Wiesbadener Krankenhäusern unterbringen, weil dort kein Platz mehr war. Jetzt gibt es dann noch weniger Plätze.“ Ihr und ihren Kollegen habe bisher noch niemand einen neuen Job angeboten, und es habe auch noch keine Gespräche der Klinikleitung darüber gegeben, wie es für die Angestellten weitergehe. „Wir wollen kämpfen“, sagt sie, räumt dann jedoch in resigniertem Tonfall ein: „Die ziehen das durch, die machen uns zu.“ Ihren Namen möchte die Krankenschwester nicht nennen. Vielleicht hat sie ja noch die Chance, in der Idsteiner Klinik unterzukommen, die ebenfalls von Helios betrieben wird.

          Die Demonstranten halten Plakate mit Aufschriften wie „Ja zu unserem Krankenhaus“ und „Kurze Wege retten Leben“ in die Höhe. Das ist für viele Teilnehmer der Knackpunkt. „Wenn Sie schnell in die Klinik müssen und von hier aus dann nach Idstein fahren sollen, das schaffen Sie doch gar nicht“, sagt Jürgen Enig. Seine Frau fügt an: „Als die das Krankenhaus in Eltville zugemacht haben, da hieß es, dass wir doch Bad Schwalbach haben, und jetzt?“ Das Ehepaar ist verärgert. „Es kann doch nicht sein, dass wir hier so abgehängt werden“, moniert Marion Enig.

          Vorwürfe gegen Landesregierung

          Zur Abschlusskundgebung auf dem Schmidtbergplatz hat sich die politische Elite des Rheingau-Taunus-Kreises eingefunden. Neben dem obligatorischen Dank an die Teilnehmer und dem Versprechen, für den Erhalt der Klinik zu kämpfen, geben fast alle Redner zu, dass es schwierig sein wird, Helios zum Erhalt der Klinik zu bewegen. Dabei sind sich Vertreter sämtlicher Parteien einig: Die Kurstadt und die Umgebung werden unter der Schließung leiden. Landrat Frank Kilian (parteilos) artikuliert seine Vorwürfe in Richtung Landesregierung: „Es wird immer wieder von der Förderung des ländlichen Raumes gesprochen. Ja, wo ist sie denn?“

          Morgen tagt der Kreistag, dessen wichtigstes Thema wohl der Widerstand gegen die Helios-Pläne sein wird. Sollten die Politiker einer Beschlussvorlage des Kreisausschusses zustimmen, wird ein Gegengutachten erstellt. Im Kern geht es darum, nachzuweisen, dass die Klinik für die Notfallversorgung benötigt wird. Kilian macht klar, dass dieses Gutachten enorme Auswirkungen haben könnte. Denn der Rheingau-Taunus-Kreis müsste eine Klinik vorhalten, auch wenn Helios trotzdem schließt. Für diesen Fall meldet der Landrat schon Anspruch auf die Landes- und Bundesgelder an, die dann in den Standort Bad Schwalbach investiert und nicht an Helios übergeben werden sollten. Nach den bisherigen Plänen erhält Helios knapp neun Millionen Euro als Subvention für die Schließung und weitere vier Millionen Euro für den Umzug der Wiesbadener Klinik für Psychosomatik nach Bad Schwalbach.

          Überlastete Krankenhäuser in Wiesbaden

          Trotz der angekündigten Linie, die Parteipolitik herauszuhalten, werden Vorwürfe an die schwarz-grüne Landesregierung laut. Der Bad Schwalbacher Grünen-Kommunalpolitiker Peter Neugebauer, der als Arzt selbst zwei Jahre in der Helios-Klinik arbeitete, übt scharfe Kritik an Hessens Sozialminister Stefan Grüttner (CDU). „Man könnte meinen, dass Grüttner mit Helios unter einer Decke zu steckt.“ Anders sei es für ihn nicht zu erklären, dass er niemanden von den Schließungsplänen informiert habe, obwohl ihm diese lange bekannt gewesen seien. Das kommt gut an, die Menschen pfeifen, johlen und applaudieren.

          „Wenn Sie eine Platzwunde haben und von Bad Schwalbach nach Idstein in die Klinik fahren, um diese dort nähen zu lassen, können Sie das auch sein lassen. Bis Sie dort sind, heilt die Wunde auch von allein“, ruft der Arzt den Demonstranten zu. Um zu veranschaulichen, wie überlastet die Notaufnahmen der Wiesbadener Krankenhäuser schon heute sind, erzählt er von einem 14 Jahre alten Mädchen, das vergangene Woche betrunken auf der Dotzheimer Straße in Wiesbaden zusammengebrochen und dann in das Rüdesheimer Krankenhaus gebracht worden sei. Denn in der Kinderklinik der Wiesbadener Horst-Schmidt-Kliniken hätte es kein einziges freies Bett mehr gegeben. „Wir werden von der Politik veräppelt“, konstatiert der Arzt. Etwas weiter hinten steht ein Ehepaar und klatscht. Halblaut sagt der Mann zu seiner Frau: „Die werden den Laden trotzdem dichtmachen.“

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