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Rettung am Großen Feldberg : Helfer kommen aus der Luft

Luftnummer: An der offenen Tür des Helikopters wird die Gerettete in Sicherheit gebracht. Bild: Marcus Kaufhold

Unwegsames Gelände gibt es auch nahe der Großstadt. Am Großen Feldberg trainieren Polizeiflieger und Bergwacht die Rettung mit dem Hubschrauber. Ernst wird es pro Jahr etwa fünf Mal.

          3 Min.

          Es ist eine der wenigen Stellen im Taunus, an denen man den ersten Teil des Worts Mittelgebirge glatt vergessen könnte. Der Zacken, nicht weit entfernt vom Parkplatz Rotes Kreuz bei Niederreifenberg, bietet nackten Fels, eine 40 Meter abfallende steile Wand und eine grandiose Aussicht. Ungünstig, wenn man ausgerechnet dort beim Fotografieren stürzt und auf einem Vorsprung in luftiger Höhe mit verletzter Hüfte liegen bleibt. Wenigstens Schmerzen spürt Sonja Reuter keine, denn zum Glück tut die 18 Jahre alte angehende Bergretterin nur so.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Wäre sie tatsächlich verunglückt, könnte sie nur über einen steilen Weg durch den Wald geborgen werden – mit kaputter Hüfte ein risikoreiches und schmerzhaftes Unterfangen. Doch die Hilfe naht aus der Luft mit lautem Getöse und entfacht einen künstlichen Sturm, so dass die ohnehin beeindruckende Szenerie auch noch eine dramatische Note bekommt: Ein Helikopter schwebt über der Zackenspitze.

          Ohne Gebrüll verständigen

          Bis Sonntag übt die Bergwacht Hessen zusammen mit der hessischen Polizeifliegerstaffel vier Tage lang rund um den Großen Feldberg die Rettung mit dem Hubschrauber. In dieser Zeit durchlaufen alle 36 Luftretter, die auf die Bereitschaften in Nordhessen, im Vogelsberg, der Wasserkuppe, dem Feldberg und Darmstadt verteilt sind, eine Übungseinheit. Gerade hat der Hubschrauber die Stelle überflogen, an der Reuter liegt. „Die Besatzung macht sich ein Bild von der Lage“, erklärt Klaus Boida.

          Der Schulungsleiter ist selbst ein Pilot der drei Polizeihubschrauber, die zusammen mit einem Flugzeug in Egelsbach stationiert sind. Einer der Helikopter ist mit einer Winde ausgestattet, die anderen dafür vorbereitet. „Das gibt es nicht überall“, sagt Boida. Die Kollegen in Rheinland-Pfalz etwa hätten so etwas nicht, weshalb viele Einsätze über den Rhein führten. „Die nächste so ausgestattete Maschine gibt es in Luxemburg.“

          Jetzt kehrt der Hubschrauber zum Zacken zurück, und zwei Bergretter werden an dem fünf Millimeter starken Stahlseil heruntergelassen. Das ist 90 Meter lang, doch üblicherweise schwebt der Hubschrauber in 25 bis 40 Metern Höhe. Auf dem kargen Fels allerdings sind die Bäume niedrig, so dass sich die Rotoren nur in knapp 20 Metern Höhe drehen und Äste und Steine umherfliegen lassen. Wieder dreht die Maschine ab, damit sich Peter Daniel und Andreas Hoffmann mit der Patientin ohne Gebrüll verständigen können.

          „Das Auge des Piloten“

          Sie machen sich ein Bild der Verletzung und geben ihrem Kollegen Thomas Heller Bescheid, der noch im Hubschrauber ist. Heller macht sonst mit Hoffmann auf der Wasserkuppe Dienst, während Daniel zur Bergwacht-Bereitschaft auf dem Großen Feldberg gehört. Jetzt kehrt der Helikopter zurück und setzt Heller mitsamt dem Luftrettungs-Bergesack ab. Selbst mit einem Haken im Fels gesichert, pumpen die drei Männer die Liegefläche auf und packen Reuter hinein.

          Hier geht’s lang: Eine Verletztendarstellerin macht auf sich aufmerksam.

          Die drei Bergretter ergänzen die Hubschrauberbesatzung. Sie besteht aus Pilot, Kopilot und dem Winden-Operator, der nicht nur Seil ab- und zugibt, sondern auch die Maschine im entscheidenden Moment dirigiert. „Er ist das Auge des Piloten“, sagt Boida, „denn der sieht über der Unglücksstelle nicht, was direkt unter dem Hubschrauber ist.“ Am Boden haben die Luftretter ihre Patientin unterdessen transportfertig gemacht. Heller bleibt bei der Patientin am Rettungs-Bergesack, als der Hubschrauber wieder anfliegt und das Seil eingehakt wird.

          Im Dunkeln am Abgrund geparkt

          Zusammen mit ihr wird er hochgezogen, während die Maschine ruhig in der Luft steht. Der Bergesack hängt direkt neben dem Einstieg außen am Hubschrauber. Ein langes Bergetau, wie es bei Bergrettungsfilmen manchmal zu sehen sei, bedeute ein höheres Risiko, erklärt Boida. Der Helikopter fliegt zum Sportplatz auf dem Feldbergplateau, um die Patientin aus zwei Metern Höhe zu Boden zu lassen. Er darf nicht mit dem Bergesack landen, sondern schwebt erst nach dem Abwinschen ein Stück zur Seite und setzt auf.

          Abgesetzt: Bergretter bei der Arbeit.

          „Das ist kein Rettungshubschrauber“, erklärt Gerd Windhausen, als Technischer Leiter bei der Bergwacht Hessen für die Ausbildung zuständig. Es gehe nur um die Bergung bis zu einem Zwischenlandeplatz. Auf dem Feldbergplateau würde die Patientin bei Bedarf von Christof 2 aus Frankfurt übernommen und in die Klinik geflogen. Drei bis fünf derartige Einsätze mit Winde gebe es für die Polizeihubschrauber im Jahr, sagt Boida – bei den Kollegen in den Alpen sind es mehr als 100. Aber unwegsames Gelände gibt es auch hierzulande. Bei seinem letzten Einsatz hat Boida einen Vermissten von einem Steilhang bei Bingen geborgen, dessen Wagen mit offener Fahrertür gefunden worden war. Der Mann hatte im Dunkeln direkt am Abgrund geparkt, war ausgestiegen und ins Nichts gefallen.

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