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Heizpilze : Klimakiller vor den Gaststätten?

Umweltschädling? Auf jede Fall eine Wärmequelle Bild: Henning Bode

Ausgerechnet in einem milden Winter werden Heizpilze wieder ein Streitthema. Eine Initiative in Frankfurt will sie verbieten lassen. In Darmstadt steht das schon länger auf der Agenda. Doch was passiert?

          3 Min.

          Heizpilze? Der Greenpeace-Sprecher ist ratlos. Er wolle sich gerne erkundigen, wie die aktuelle Position des Vereins zu den Geräten sei, gegebenenfalls wolle er sich dann melden. Hat er nicht getan, offenbar ist das Thema für die Umweltschützer derzeit keines. Anders für die Initiative, die sich in Frankfurt für ein Verbot der gasbetriebenen Wärmestrahler vor Bars und Restaurants ausspricht. Und damit Widerhall gefunden hat. Demnächst werde sich der Magistrat mit dem Verbotswunsch beschäftigen: Das hat vor zwei Wochen Bürgermeister Uwe Becker gesagt, als ein Radiosender ihn zu dem Thema interviewte.

          Jacqueline Vogt

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Frankfurt fragt mich“ heißt ein Internetportal, das die Stadt Frankfurt anbietet. Bürger können dort elektronisch Mängel und Missstände melden, von wilden Sperrmüllablagerungen bis hin zu nicht geleerten Mülltonnen. Es können sich dort aber auch virtuelle Initiativen gründen, vergleichbar mit Online-Petitionen. Die Stadt reagiert auf ihre Anliegen, wenn sich eine hinreichende Zahl von Unterstützern gefunden hat. So ist es im Falle der Heizpilze geschehen.

          Hoher Kohlendioxidausstoß

          Schon im vergangenen Mai war die Forderung „Heizpilze in der Gastronomie verbieten“ in das Beteiligungsportal eingestellt worden, 200 Unterstützer fanden sich. Zur Begründung hieß es, die Geräte gäben große Mengen Kohlendioxid ab und stellten eine Umweltbelastung dar. Zur Beweisführung wird mit einer angenommenen Betriebszeit jedes Pilzes von 36 Stunden in der Woche kalkuliert, womit sich ein Ausstoß von vier und mehr Tonnen Kohlendioxid je Gerät und Jahr ergäbe. Diese Rechnung hatte einst Greenpeace aufgemacht. Mit ihr zogen vor zwölf Jahren, als mit dem Rauchverbot in der Speisegastronomie das Vor-dem-Lokal-Stehen zum Massenphänomen wurde und bald nicht mehr nur bei Rauchern beliebt war, Umweltschützer in den Kampf gegen die Heizpilze. Und mit diesen Zahlen argumentieren die Verbotsbefürworter in Frankfurt noch heute. Viele Städte hätten die Apparate verboten, Frankfurt solle das auch tun.

          Ob das nun, über den Weg durch die politisch notwendigen Instanzen, tatsächlich geschehen wird, ist nicht ausgemacht. Befürworter sprechen von einem unverantwortlich hohen Kohlendioxidausstoß der Gasbrenner, Gegner führen die Nachteile an, die Gastronomen bei einem Verbot entstehen würden. Zugleich sind die Linien auch in der Gastronomie selbst nicht messerscharf gezogen. Nicht alle, die Freiflächen haben und bewirtschaften dürfen, stellen auch Heizpilze auf. Und nicht überall, wo das verboten ist, bleiben die Terrassen wirklich kalt.

          In Nürnberg zum Beispiel gilt seit 2008 ein Heizpilzverbot. „Der Aufschrei war groß“, sagt der Nürnberger Hotelier und Vorsitzende der Kreisstelle des Hotel- und Gaststättenverbands, Robert Horka. Das sei aber kein Problem mehr. Dass das Verbot niemanden mehr aufrege, liegt ihm zufolge auch daran, dass „die Industrie gut reagiert“ hat. „Wenn ich heute als Raucher abends unterwegs bin, stehe ich unter Elektrostrahlern.“ Wegen des Stromverbrauchs sind Umweltschützern aber auch diese Geräte ein Dorn im Auge. Und in Nürnberg, sagt der Leiter des dortigen Liegenschaftsamtes, Claus Fleischmann, dürfte es sie eigentlich nicht geben. Auf öffentlichen Flächen, und um solche handelt es sich bei den meisten Restaurantterrassen, seien Heizpilze und andere Beheizungen verboten auf der Ermächtigungsgrundlage des Straßen- und Wegerechts.

          Hauswand als juristische Grauzone?

          In der Frankfurter City haben Gastronomen, die ausschließlich oder zusätzlich zu Gasbrennern Elektrostrahler nutzen, zum Beispiel die Betreiber des „Helium“ oder der „Bar Celona“, diese Geräte an die Hauswand montieren lassen. Das vielleicht auch in der Annahme, sich notfalls in einer juristischen Grauzone zu befinden. Eine Hauswand ist ja kein öffentlicher Boden.

          Muss man für die Geräte, die Gästen beim Draußensitzen Wärme spenden, neue Regeln finden? Das müsse man, heißt es bei der Stadt Darmstadt. Dort wird seit Monaten über ein Heizpilzverbot diskutiert. Nur sechs bis acht Lokale seien überhaupt betroffen, sagt ein Sprecher, aber zu dem Thema bildeten sich Bevölkerung und Politik eben „eine Meinung“. Heizpilze gälten als Symbol für etwas, von dem man sich frage, ob es noch zeitgemäß sei. „Die Frage ist aber auch: Beschneiden wir die Gastronomen?“ Zumindest gedanklich sei dazu eine Satzung in Arbeit. „Aber wir sind noch nicht so weit, dass wir das in einer der nächsten Magistratssitzungen vorlegen können.“

          Alexander Theiss, Geschäftsführer für Standortpolitik der Industrie- und Handelskammer in Frankfurt, sagt, die Kammer sehe einem drohenden Verbot von Heizpilzen „mit Sorge entgegen“. Für die Gastronomen seien die Umsätze in den Sommergärten wichtig, für manche seien sie essentiell. Ein Verbot passe außerdem nicht zu den Anstrengungen der Stadt in den vergangenen Jahren, das Leben „nach draußen hin“ zu öffnen. Umweltpolitiker von CDU, FDP und SPD äußerten sich auf Nachfrage zurückhaltend. „Auf keinen Fall einen Schnellschuss machen“, sagt einer von ihnen. „Mit den Gastronomen reden“, sagen die Interessenvertreter der Wirte.

          Sich an der bayerischen Landeshauptstadt zu orientieren, schlägt Paul Fay vor. Der stellvertretende Leiter des Frankfurter Energiereferats sagt, die Verbots-Initiative wolle das Richtige. Mit dem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung zum Beitritt zum Klimabündnis seien weitreichende Ziele zur CO2-Reduzierung formuliert worden. Die Heizpilze aber setzten Kohlendioxid frei. München habe eine elegante Lösung gefunden: Dort dürfen Wärmestrahler brennen, im Sommer. Besser, es wird an wenigen kühlen Abenden ein bisschen geheizt als an vielen kälteren ordentlich aufgedreht: ein Mittelweg, der jedem seine Ansprüche lässt und jedem einen Kompromiss abverlangt. Und angefochten wird. „Heizpilze auch im Winter erlauben“, das haben in jüngerer Vergangenheit viele Münchner Wirte gefordert, zum Teil mit politischer Unterstützung. Bislang vergeblich.

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