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Knyphausen in Eltville : Zwischen Melancholie und Zuversicht

  • -Aktualisiert am

Auf Heimatbesuch: Gisbert zu Knyphausen spielt auf dem Weingut seiner Familie in Eltville-Erbach ein Konzert. Bild: Klenner, Maria

Songpoet Gisbert zu Knyphausen begeistert beim „Heimspiel“ auf dem Weingut seiner Familie in Eltville-Erbach. Es könnte eines der letzten Solo-Konzerte gewesen sein, denn sein neues Album verspricht Verstärkung.

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          Am Tag vor seinem Auftritt beim Festival auf dem Weingut der Familie wurde die Veröffentlichung des neuen, dritten Albums von Gisbert zu Knyphausen bekanntgegeben. Sieben Jahre nach der CD „Hurra! Hurra! So nicht“, die ebenso wie zu Knyphausens Debüt 2008 und die Kooperation mit Nils Koppruch als Kid Kopphausen 2012 weithin gefeiert wurde, erscheint Ende Oktober das neue Werk mit dem Titel „Das Licht dieser Welt“. Eingespielt mit einer neuen, spektakulären Band, die alsbald auch auf Tournee gehen wird. Es war also eins der vorerst letzten Solo-Konzerte, mit dem der Songpoet nun die rund zweitausend Zuschauer auf dem idyllischen Gelände des historischen Draiser Hofs in Eltville-Erbach verzaubert hat.

          Wobei Knyphausen etwa ein Drittel des Programms gar nicht allein spielte, sondern eine Live-Premiere mit Karl Ivar Refseth als Duopartner feierte. Der aus Norwegen stammende, seit gut zehn Jahren in Berlin ansässige Vibraphonist kommt aus dem Jazz, gehört aber auch zur festen Besetzung von The Notwist. An der Seite Knyphausens ist Refseth, der bereits an den Studioaufnahmen mitwirkte, vor allem für stimmungsvolle Klänge zuständig. Manches Flirren streicht er mit zwei Geigenbögen aus den Metallplatten; Klangfarben zwischen transparenten und leuchtenden Kaskaden variiert er mit vier Klöppeln. Subtil verweben sich Refseths Einsätze mit dem differenzierten Gitarrenspiel Knyphausens und verleihen selbst bekannten Songs besondere Aura. Ein wenig weg vom robusten Rock, hin zu nuancierter, individueller Ästhetik.

          Mal lakonisch, mal dringlich

          Heisers herausgeschleuderte Worte und überfallartig losbrechende Klangstürme, jähe Wechsel von Intimität zu Eruption waren ehedem Markenzeichen der Gisbert zu Knyphausen Band. Solo bevorzugt er zwar leisere Töne, kann aber auch auf der akustischen Gitarre einige Dynamik entwickeln, wenn er von feinsinnigen Pickings über abgestoppte Riffs zu rhythmischen Stakkati wechselt. Manche hart angeschlagenen Akkorde fahren als Funk-Groove unwillkürlich in die Beine. Mit solchen Energieschüben interpretiert er überzeugend auch alte, ursprünglich wuchtige Songs wie „Neues Jahr“ und „Seltsam durch die Nacht“.

          Die Intensität Knyphausens hängt nicht von der Lautstärke ab. Vielmehr resultiert sie aus seiner markanten rauhen Stimme und seiner natürlichen Präsenz. Und natürlich rührt die Intensität auch von der atmosphärischen Dichte seiner Lieder her, die zwischen Melancholie und Zuversicht, Ironie und Erkenntnis changieren. Als musikalischer Erzähler spricht Knyphausen oft mehr, als er singt, wechselt aber nicht komplett zur Spoken-Poetry-Stilistik, bleibt vielmehr in Folk und Blues geerdet.

          Seine klugen, unkonventionell formulierten Reflexionen sind gut zu verstehen, so kann er auf erklärende Ansagen verzichten. Knyphausens Talent, alltägliche oder nächtliche Momentaufnahmen sowie vermeintlich Privates literarisch auszumalen, dabei profunde Emotionen zwischen Liebe und Tod anrührend, aber ohne Pathos zu vermitteln, verrät langes Nachdenken. Seine Liebe zum Detail lässt ihn ebenso aus der Mehrzahl deutscher Singer/Songwriter herausragen wie sein mal lakonischer, mal dringlicher Vortrag.

          Kooperation mit iranischer Band

          Das gilt auch für die neuen Stücke, die Knyphausen an diesem Abend singt. Gleichwohl zeigen sie einige neue Facetten. „Das Licht dieser Welt“ schrieb er zu Andreas Dresens Film „Timm Thaler oder das verkaufte Lachen“, womöglich vermittelt es deshalb eine optimistische Leichtigkeit. Zudem überrascht der Sänger hier mit Falsett-Tönen und einer kleinen Trompeten-Imitation. „Dich zu lieben ist leicht“ spricht von der Ankunft eines neuen Morgens und wiedergefundenem Mut, „Niemand“ beschwört die innere Kraft, um zu mentaler Freiheit zu gelangen.

          Dunkler wirkt hingegen „Stadt Land Flucht“, in dem sich wiederum typische Knyphausen-Zeilen finden, etwa „der Wind reißt an den Kiefern und die Musik an deinen Speakern“. Am Ende des umjubelten Konzerts verweist Gisbert zu Knyphausen mit dem Song „Teheran Smiles“ auf seine Kooperation mit der iranischen Band Pallett, die er im Winter 2013 in ihrer Heimat besuchte und danach zum bis heute angenehm familiären „Heimspiel“-Festival einlud.

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