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Heimatmuseum Dietzenbach : Mietforderung droht Heimatmuseum zu ruinieren

Geschichtsträchtig: Kunsthistorikerin Maria Polatowski-Ruprycht vor einer alten Holzsäge im Dietzenbacher Museum Bild: Marcus Kaufhold

Weil Dietzenbach als Schutzschirmstadt höhere Gebühren erwägt, droht dem Heimatmuseum die Insolvenz. Doch der Trägerverein wehrt sich und verhängt einen Aufnahmestopp.

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          Um 1900 war Dietzenbach ein Dorf mit 2200 Einwohnern. Ein Modell im Museum für Heimatkunde und Geschichte an der Darmstädter Straße vermittelt einen Eindruck, wie der Ort damals aussah. Zu erkennen sind die Alte Schule von 1878 an der Darmstädter Straße, in der sich heute die Polizeistation befindet, und der Trinkborn, der jahrhundertelang als Dorfbrunnen diente. Auf Knopfdruck können sich die Besucher alles auch akustisch erläutern lassen: Die Texte spricht der frühere Bürgermeister Jürgen Heyer (SPD).

          Eberhard Schwarz

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Kreis Offenbach.

          Das Fachwerkhaus von 1765 ist ebenfalls im Modell vorhanden. Die Stadt stellte es 1976 für das Museum zur Verfügung. Später kamen noch ein benachbarter Verwaltungspavillon und eine neu errichtete Halle dazu. Der marode Pavillon musste weichen: Zum Hessentag 2001 in Dietzenbach wurde der Neubau des Heimatmuseums eröffnet, das vom Heimat- und Geschichtsverein getragen wird. Rund 6500 Menschen statteten dem Museum im vergangenen Jahr einen Besuch ab, wie Maria Polatowski-Ruprycht sagt. Darunter waren laut der wissenschaftlichen Mitarbeiterin, die mit einer halben Stelle bei der Stadt angestellt und für das Museum zuständig ist, auch etwa 100 Gruppen aus Kindergärten und Schulen. Museumspädagogik ist ein wichtiger Teil der Arbeit.

          Monatlich 3648,82 Euro als Miete

          Doch damit könnte es bald vorbei sein. Denn der 1963 gegründete Heimat- und Geschichtsverein bangt um seine Existenz. Die Stadt will eine neue Satzung über die Nutzung öffentlicher Einrichtungen beschließen. Dietzenbach nimmt den Kommunalen Schutzschirm des Landes in Anspruch und soll daher Beiträge und Gebühren regelmäßig überprüfen und bei Bedarf anpassen. Legt man sämtliche Kosten zugrunde, hätte der Heimat- und Geschichtsverein für das Museum monatlich 3648,82 Euro als Miete zu entrichten, der Feuerwehrverein, der ein Feuerwehrmuseum betreibt, müsste monatlich 1038,99 Euro zahlen.

          Im Februar beschlossen die Stadtverordneten allerdings, dass sich der Mietpreis für den Heimat- und Geschichtsverein ebenso wie für den Feuerwehrverein um 90 Prozent ermäßigen soll. Davon wären nach den Worten von Bürgermeister Jürgen Rogg (parteilos) noch Eigenleistungen des Heimat- und Geschichtsvereins abzuziehen. Unter dem Strich bliebe eine monatliche Miete von rund 240 Euro übrig. Über die Satzung sollen die Stadtverordneten heute entscheiden.

          Nur Mitgliedsbeiträge als Einnahmequelle

          Im Jahr summiere sich das auf rund 2900 Euro, sagt der Vereinsvorsitzende Hans-Erich Scholze. Die Miete wäre damit kaum geringer als sämtliche Beiträge der 230 Mitglieder. Der Verein habe keine anderen Einnahmequellen. Nur bei größeren Investitionen werde man vom Hessischen Museumsverband unterstützt. Es ergebe wenig Sinn, „die Mitgliedsbeiträge gleich als Miete an die Stadt weiterzuüberweisen“, sagt Scholze. Schließlich koste es Geld, ein Museum zu betreiben. Der Heimat- und Geschichtsverein übernehme damit eine Aufgabe für die Stadt. Er unterhalte das Museum, veranstalte Vorträge, Vernissagen und Feste für die Allgemeinheit, „nicht für uns“.

          Der Vorstand zog Konsequenzen und verhängte einen Aufnahmestopp. Es könne kein Vereinszweck sein, „neue Mitglieder an Bord zu nehmen, nur damit wir Miete zahlen und eine Arbeit für die Kommune tun“, macht Scholze deutlich, der seit 2014 Vorsitzender ist. Bliebe es dabei, dass künftig Miete zu zahlen sei, hätte der Verein kein Geld mehr, um das Museum zu bewirtschaften, und müsste über kurz oder lang Insolvenz anmelden.

          Aufnahmestopp als Konsequenz

          Fünf Mitglieder der Dietzenbacher SPD, darunter einige Stadtverordnete, die Landtagsabgeordnete Ulrike Alex, die Vorsitzende des Landtags-Ausschusses für Wissenschaft und Kunst ist, und der Vorsitzende des Dietzenbacher Ausländerbeirats, wollten dem Verein kürzlich beitreten, bekamen aber eine Absage. Nach Ansicht der SPD wäre es ein „einmaliger und skandalöser Vorgang“, wenn die Aufnahme davon abhängig gemacht würde, „wie willfährig sich ein Stadtverordneter bei der Ausübung seines Mandats verhält“. Nach Scholzes Worten wollten insgesamt mehr als zehn Personen Mitglied werden. Man habe allen, nicht nur den SPD-Mitgliedern, einen freundlichen Brief geschrieben und erklärt, warum man derzeit keine neuen Mitglieder mehr aufnehme.

          Rogg zeigt Verständnis für den Verein. Die Stadt tue sich schwer damit, Vereine zu belasten, denn dies passe nicht zu den Ankündigungen, das Ehrenamt zu stärken. Er finde es nicht ganz in Ordnung, dass der Heimat- und Geschichtsverein Miete zahlen solle, sagt Rogg. Der Verein könne jedoch ebenso wie der Feuerwehrverein beim Magistrat einen Zuschuss zu den Mietkosten beantragen. Rogg bezeichnet es als „nicht unwahrscheinlich“, dass ein Zuschuss in deren Höhe gewährt würde – etwa als Gegenleistung dafür, dass der Verein Kindergartengruppen und Schulklassen den Museumsbesuch ermögliche. Die Stadt werde „alles daransetzen, dass wir dem Verein die Zukunft sichern“.

          Und damit würde die Stadt auch die Erinnerung an ihre Vergangenheit wachhalten. Schließlich wird im Museum mit römischen Münzen und einer Luftschutz-Hausapotheke die Geschichte Dietzenbachs von der Antike bis zu den Kriegen des 20.Jahrhunderts erzählt.

          Mehr als zwei Dutzend Museen im Kreis Offenbach 26 Museen mit unterschiedlichen Schwerpunkten gibt es im Kreis Offenbach. Kulturell wird dort also einiges geboten. Gleich mehrere Museen decken spezielle Interessen ab: So gibt es in Seligenstadt ein Flipper- und Arcademuseum, das von einem Verein getragen wird. In Langen zeigen die städtischen Glas/Werke/Langen im Untergeschoss der Stadthalle ausgewählte Werke aus der Sammlung zur zeitgenössischen Glasmalerei. Wer sich für historisches Feuerwehrgerät, Uniformen, alte Löschfahrzeuge und Feuerwehrexponate aus der ganzen Welt begeistert, ist im Feuerwehrmuseum in Dietzenbach richtig, das vom dortigen Feuerwehrverein getragen wird. In vielen Kommunen bestehen Museen, die sich mit der Ortsgeschichte befassen. In Neu-Isenburg werden das Stadtmuseum Haus zum Löwen und das Zeppelin-Museum im Stadtteil Zeppelinheim von der Stadt getragen. In anderen Kommunen leisten Vereine diese Arbeit. In Mühlheim gehört das Gebäude des Stadtmuseums der Stadt. Zu sehen ist eine Dauerausstellung mit vor- und frühgeschichtlichen Funden. Der Geschichtsverein Mühlheim präsentiert dort Wechselausstellungen. Miete ist dafür nicht zu entrichten. Die Vereine würden gefördert und ihr ehrenamtliches Engagement entsprechend gewürdigt, hieß es aus dem Rathaus. In Rodgau unterhalten der Arbeitskreis für Heimatkunde Nieder-Roden, der Heimat-und Geschichtsverein Weiskirchen und der Heimatverein Jügesheim Heimatmuseen in den jeweiligen Stadtteilen. Die städtischen Förderrichtlinien sehen vor, dass Heimat- und Geschichtsvereine, die für ihre Museumsräume zahlen müssen, von der Stadt einen Zuschuss von 25 Prozent der Kaltmiete, höchstens 1300 Euro im Jahr, bekommen. In Obertshausen gehört das Gebäude, in dem sich das Werkstatt-Museum Karl-Mayer-Haus befindet, der Stadt. Für die Betreuung des Museums erhält der Heimat- und Geschichtsverein eine jährliche Pauschale von der Stadt. Das Regiomuseum in der ehemaligen Benediktinerabtei Seligenstadt betreibt der Kreis Offenbach. Bis 2010 trug er gemeinsam mit dem Geschichts- und Heimatverein Dreieichenhain auch das Dreieich-Museum in der Burg Hayn in Dreieich. Seither hat der Verein dort allein das Sagen. 2017 förderte der Kreis das Museum mit 60 000 Euro. (es.)

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