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Heidi-Denkmal für Frankfurt : Niedlich und natürlich ist gefragt

Kind der Berge: Heidi aus Johanna Spyris Kinderbuch. Bild: akg-images

Heidi verbindet man eher mit der romantischen Schweizer Alm als mit der Frankfurter Skyline. Gibt es dennoch einen Platz am Main für ein Denkmal zu Ehren von Johanna Spyris berühmter Protagonistin?

          Zugegeben, Frankfurt kommt nicht gut weg bei Johanna Spyri. Aber Hauptsache, es kommt vor. Ausführlich. Allein dieser Satz ist es wert, in Stein gemeißelt den Saum eines Denkmals zu zieren: „Als Heidi am ersten Morgen in Frankfurt seine Augen aufschlug, konnte es durchaus nicht begreifen, was es erblickte.“ Nun, die Alm war es nicht. Stattdessen: viel Stein, überall Mauern, eine Großstadt eben. Das war es nicht gewohnt. Erst als das Heidi den Turm des Doms erklommen hat und, wie wir annehmen dürfen, die Weiten des Taunus erblickt, kann es aufatmen. Das ist fast ein bisschen wie zu Hause. Gut, diese Berge kommen nicht so ganz an die Alpen heran. Der Alpöhi und der Geißenpeter fehlen ihr sowieso zum Glück. Aber immerhin ist sie den engen Gassen der Altstadt entronnen.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Aus heutiger Sicht müsste es den Frankfurtern gefallen, dass nicht etwa Berlin, sondern ihre oft mit dem Vorwurf des Provinziellen konfrontierte Kommune im Roman der Schweizer Schriftstellerin als Inbegriff des Städtischen dargestellt wird. Als faszinierender Moloch. Und „Heidi“ ist schließlich Weltliteratur. Jeder kennt sie. Alle finden sie entzückend. Filme, Fernsehserien, Buchausgaben mit Illustrationen namhafter Künstler haben sie überall bekannt gemacht. Ein niedliches Mädchen, ein unverdorbenes Geschöpf, eine Botschafterin für den Frankfurter Grüngürtel und alles, was liebenswert ist an Frankfurt am Main: Warum sollte die Stadt sich nicht mit der Kunstfigur schmücken? Mit dem eidgenössischen Naturkind verbunden zu werden, kann nicht schaden. Schon der Zusammenhang mit der Schweiz hebt das Image ungemein. Die Touristen aus Fernost würden ein Heidi-Denkmal lieben. Der für die Innenstadt zuständige Ortsbeirat hat eines vorgeschlagen.

          Frankfurt kommt im Buch zu schlecht weg, sagt der Magistrat

          Der Magistrat ist dagegen. „Aus stadthistorischer Sicht sollte von der Idee der Errichtung eines Heidi-Denkmals grundsätzlich Abstand genommen werden“, schreiben die Frankfurter Regierenden in einer Stellungnahme, die ein bisschen beleidigt klingt. Im Roman von Johanna Spyri werde ein romantisches, idealtypisches Bild der Schweiz geschaffen, „zu dem Frankfurt kontrastiv in schlechtem Licht dasteht: als krankmachende Großstadt“. Nicht gut, finden die städtischen Literaturwissenschaftler. Endlich weht er wieder, der kritische Frankfurter Geist, vor dem „Heidis Lehr- und Wanderjahre“, wie der ewige Bestseller mit vollem Titel heißt, nicht bestehen können. Zu viel heile Welt, zu kitschig.

          Aber irrt der Magistrat hier nicht? Hat Heidi nicht das Zeug zum Vorbild in Zeiten der Naturferne und Übersexualisierung? Wir schlagen daher vor, Goethe vom Sockel zu stoßen, weil die toxische Maskulinität, die von ihm ausgeht, ohnehin nicht mehr erträglich ist. Benennen wir den Goethe-Platz in Heidi-Platz um, bauen ihr dort ein Denkmal und fangen an, für das Heidi-Museum zu sammeln. Um aller Welt zu zeigen: Frankfurt ist Heidi-Stadt.

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