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Heidenrod : Streit um Holzkohlefabrik

  • -Aktualisiert am

Aus der Region: Die Gegner der Holzkohlefabrik wollen den Wald schützen (Symbolbild). Bild: Rüchel, Dieter

Das Unternehmen Carbonex will in der Taunusgemeinde Heidenrod Holzkohle aus nachhaltig zertifizierten Quellen herstellen. Viele Einwohner sind gegen die Ansiedlung des Unternehmens. Am Sonntag stimmen die Bürger darüber ab.

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          Heftige Wortgefechte haben sich am Montagabend Gegner und Befürworter einer Holzkohlefabrik in der Taunus-Gemeinde Heidenrod geliefert. Während der fünften und damit letzten Informationsveranstaltung in der Römerhalle im Ortsteil Kemel rief Bürgermeister Volker Diefenbach (SPD) die Anwesenden mehrfach zur Ordnung, während vor der Halle rund 60 Demonstranten in gelben Westen standen. Mit Trommeln, Trillerpfeifen und anderen lärmenden Instrumenten protestierten sie gegen den Bau der Fabrik. In der Halle versuchten sowohl Christoph Fischer von der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt als auch der Geschäftsführer des Unternehmens Carbonex, Pierre Soler-My, die Bedenken zu entkräften. Am Sonntag, den 1. November, stimmen die Bürger der 8000-Einwohner-Gemeinde über die Fabrik ab.

          Die französische Firma Carbonex möchte in Heidenrod Holzkohle nach einem patentierten Verfahren aus nachhaltig zertifizierten Quellen herstellen. Die bei der Produktion anfallenden Nebenprodukte sollen umweltfreundlich in Strom und Wärme umgewandelt werden, was nach Aussage der Befürworter eine vollkommen emissionsfreie Holzkohle-Herstellung ermögliche. Dazu benötigt das Familienunternehmen eine Fläche von 15 bis 17 Hektar mit guter Verkehrsanbindung, da täglich etwa 80 Lastwagen-Fahrten nötig sind, um Holz zur Fabrik zu bringen und die fertige Holzkohle abzutransportieren. Die Herstellung selbst benötigt zudem jedes Jahr rund 150.000 Festmeter schwaches Laubholz, nach Möglichkeit aus der Region.

          Gegner befürchten negative Auswirkungen auf Naturschutz

          Die Holzkohlefabrik, zu der ein Holzlager, große Öfen, Hallen und ein Biomassekraftwerk gehören sollen, würde nach den Plänen auf einem Areal im Ortsteil Huppert errichtet, das an der Landstraße nach Laufenselden liegt. Für Bürgermeister Volker Diefenbach (SPD) überwiegen die Vorteile der Ansiedlung. So liege der Standort verkehrsgünstig direkt an der Landstraße nach der Abzweigung von der Bundesstraße 250 und ohne jede Ortsdurchfahrt. Es existiere bereits ein Rohr zum Umspannwerk nach Eisighofen, so dass der produzierte Strom dorthin transportiert werden könne. Die Fläche sei von keinem Ortsteil einsehbar und das Areal im Besitz der Gemeinde und damit kurzfristig verfügbar. Da der betroffene Wald noch jung sei und zu einem großen Teil 1994 nach einem Sturm aufgeforstet wurde, erwartet Diefenbach auch keine naturschutzfachlichen Restriktion, zumal die Fläche größtenteils durch Ersatzaufforstungen ausgeglichen werden könne.

          Die Gegner des Vorhabens befürchten indes negative Auswirkungen auf Naturschutz, Wasserversorgung und auch einen ungenügenden Brandschutz. Sie monieren, dass mit der Ansiedlung eine Industriefläche im Wald entstehe. „Kein Wald für Kohle“ und „Wir lassen uns nicht verkohlen“ steht auf den Plakaten. Mehrere Bürgerinitiativen haben sich gegen den Bau gegründet. Insbesondere die geplanten Rodungen lehnen die Gegner mit Blick auf den Klimawandel ab. Diese Bedenken konnte auch der Videovortrag des Mitarbeiters der Forstlichen Versuchsanstalt nicht ausräumen, obwohl er darauf hinwies, dass eine Holznutzung im Wald „erforderlich“ sei. Sie könne sogar zu einer Senkung der CO2-Emissionen führen, weil das klimaschädliche Gas gespeichert werde. Hingegen sei es „unverantwortlich“, Holzkohle aus Ländern zu importieren, die keine nachhaltige Waldnutzung betreiben. Als Beispiel nannte Fischer den Kahlschlag im Amazonas-Gebiet.

          Produktion soll vollkommen CO2-neutral ablaufen

          Carbonex-Geschäftsführer Soler-My konnte seine Präsentation nur unter Störungen beginnen. „Wir möchten hier mit der Zustimmung der Bevölkerung arbeiten“, sagte er und wies darauf hin, dass es sich bei Carbonex um ein mittelständisches Familienunternehmen handele, dessen Produkte öko-zertifiziert seien. Auf seine Frage, ob nicht auch die Gegner ab und an Holzkohle zum Grillen verwendeten, wurde ihm rüde geantwortet: „So ein Dreck kommt mir nichts ins Haus, davon bekommt man Bio-Krebs.“

          Davon ließen sich die Carbonex-Mitarbeiter nicht beeindrucken und referierten sachlich über die angedachte Produktion. Nach Auskunft von Ingenieur Frederic Grandet wird die Produktion vollkommen CO2-neutral ablaufen. Dadurch, dass von Konsumenten auf den Kauf nicht nachhaltig produzierter Kohle aus anderen Ländern verzichtet und nebenbei erzeugter Strom in das öffentliche Netz eingespeist werden soll, prognostizierte der Ingenieur sogar eine globale Einsparung von rund 220.000 Tonnen CO2 im Jahr. Neben den erwarteten 80 bis 90 direkten Arbeitsplätzen sollen zudem rund 300 indirekte Arbeitsplätze, etwa in der Forstwirtschaft, entstehen.

          Diese Argumente müssen nun die Heidenroder bewerten, die am Sonntag über das Vorhaben abstimmen sollen. „Sind Sie dafür, dass die Gemeinde Heidenrod die Ansiedlung des mittelständischen Unternehmens Carbonex zur Herstellung von Holzkohle und Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Energien als Beitrag zum globalen Klimaschutz, zur Waldpflege und Holzabsatz, zur Arbeitsplatzbeschaffung und zur Verbesserung der Finanzlage der Gemeinde weiterhin unterstützt, dafür ein gemeindeeigenes Grundstück in der Größe von bis zu 17 Hektar zur Verfügung stellt und ein eingeleitetes Bauleitverfahren, das sicherstellt, dass keine nachteiligen Wirkungen von dem Betrieb ausgehen, fortsetzt und im Genehmigungsfalle die notwendigen rechtlichen und fiskalischen Voraussetzungen sicherstellt?“ lautet die Frage, über deren Zulässigkeit die Kommunalaufsicht des Innenministeriums entscheiden musste. Damit das Vertreterbegehren Wirkung entfaltet, muss jedoch die Mehrheit von 25 Prozent der Wahlberechtigten für eine der beiden Optionen stimmen. Rund 1700 Stimmen werden nach Auskunft von Diefenbach zur Erreichung des Quorums benötigt.

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