https://www.faz.net/-gzg-p82l
 

: Haus des Seins

  • Aktualisiert am

Was ist heute noch konservativ? Eine CDU-Alleinregierung offenbar nicht. Sonst hätte das Land Hessen im Streit um die Rechtschreibreform längst klare Stellung gegen die überflüssigen Neuerungen bezogen.

          1 Min.

          Was ist heute noch konservativ? Eine CDU-Alleinregierung offenbar nicht. Sonst hätte das Land Hessen im Streit um die Rechtschreibreform längst klare Stellung gegen die überflüssigen Neuerungen bezogen. Statt dessen argumentiert Kultusministerin Karin Wolff formalistisch, die Dinge müßten ihren Lauf nehmen, nachdem sie nun einmal angestoßen worden seien. Und nennt es Verläßlichkeit, wenn die hessische Landesregierung auf dem schlechten Neuen beharrt. Eine Sache um ihrer selbst willen durchzusetzen, unbeeindruckt von fundierter Kritik und dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments: Dies kann ja wohl nicht der Ausweis des Konservatismus am Anfang des 21. Jahrhunderts sein.

          Auch aus Wiesbadener Politikermund hört man in diesen Tagen, die Ankündigung von Spiegel, Springer und Süddeutscher Zeitung, zur alten Orthographie zurückzukehren, sei "Sommertheater". Und Deutschland habe derzeit ganz andere Sorgen. Derlei Aussagen lassen sich nur damit erklären, daß einige Regierende selber schon Opfer jener Entwicklungen geworden sind, die letztlich zum Armutszeugnis für die deutschen Bildungseinrichtungen geführt haben. Was nämlich soll wichtiger sein als die Sprache, in der sich die Bevölkerung ausdrückt? Mit der sie sich Bildung aneignet? In der sie denkt? "Die Sprache ist das Haus des Seins": Heideggers Wort in Politikers Ohr.

          Die sprachliche Entwicklung vieler Kinder läßt zu wünschen übrig. Die Verhunzung des Deutschen hat ein erschreckendes Ausmaß angenommen. Mit der Sprachkompetenz gehen Differenzierungsvermögen, Gedankenschärfe und damit am Ende Konkurrenzfähigkeit verloren. Die Orthographie ist ein nicht zu unterschätzendes Moment in diesem Zusammenhang. Verbindliche Regeln geben eine Sicherheit, von der aus auch schöpferische Regelverletzungen möglich sind.

          Die Germanistik, die seit langer Zeit an Legitimationsschwund leidet, ist mit dem Versuch, mittels der Rechtschreibreform endlich einmal wieder ihre gesamtgesellschaftliche Bedeutung unter Beweis zu stellen, kläglich gescheitert. Der Schaden muß jetzt begrenzt, die Farce beendet werden. Kulturkonservative Verantwortung ist gefragt. Auch in Wiesbaden. In der gegenwärtigen Situation kann es nur eines geben: schleunigst zurück zum Duden, 20. Auflage. MICHAEL HIERHOLZER

          Weitere Themen

          Testspiel auch für Fans

          Corona-Konzept der Eintracht : Testspiel auch für Fans

          Das Eintracht-Testspiel gegen AS St-Étienne wird auch für die Fans eine Generalprobe sein. Es ist nicht zu erwarten, dass in der Bundesliga wieder einfach so Fußball im Stadion zu erleben ist.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.