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Gebetsräume an Unis : Wer beten will, muss tolerant sein

  • -Aktualisiert am

Offen für Gläubige aller Religionen: das „Haus der Stille“ auf dem Campus Westend der Goethe-Universität Bild: Wolfgang Eilmes

An mehreren Universitäten wurden Gebetsräume geschlossen. Das „Haus der Stille“ an der Goethe-Uni bleibt geöffnet. Sein Konzept wird konsequent verteidigt.

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          Die beiden Besucher aus Hildesheim und Marburg sind schon ein wenig neidisch auf das „Haus der Stille“ der Goethe-Universität. Mit einem „Maschallah“, dem muslimischen Ausdruck der Bewunderung, schreibt der eine ins Gästebuch, dass er den Raum „sehr schön“ finde. Der andere wünscht sich einen solchen Ort auch an seiner Marburger Uni.

          Im Oktober 2010 wurde das Haus auf dem Campus Westend eröffnet. Es liegt neben den beiden kirchlichen Studentenwohnheimen, nahe dem Hörsaalzentrum. Im Inneren wird bewusst auf bildliche oder figürliche Darstellungen einzelner Religionen verzichtet, das Haus soll allen Gläubigen offenstehen. Dieses Konzept wird konsequent verteidigt - und vermutlich liegt genau darin der wichtigste Grund, dass es um diesen Raum nicht solche Querelen gibt, wie es jüngst an den Technischen Universitäten Dortmund und Berlin sowie an der Universität Duisburg-Essen der Fall war.

          Staatliche Uni sei „kein Ort für die Religionsausübung“

          An der TU Dortmund war zweimal gegen die Nutzungsordnung verstoßen worden, indem der Raum der Stille quasi zu einer Moschee umfunktioniert worden war, wie einer Mitteilung der Hochschule zu entnehmen ist. „Vor diesem Hintergrund betrachten wir den Versuch, einen neutralen und allen Glaubensrichtungen in gleicher Weise zur Verfügung stehenden ,Raum der Stille‘ zu schaffen, leider als gescheitert“, teilte das Rektorat mit.

          Die TU Berlin führt eher grundsätzliche Erwägungen zur Neutralität der Hochschule ins Feld, um zwei Gebetsräume zu schließen. Eine staatliche Universität sei „kein Ort für die Religionsausübung“, befindet TU-Präsident Christian Thomsen. Nicht ausgeschlossen sei das „Einzelgebet“, das in der Universität schon lange praktiziert werde. Außerdem stünden Religionshäuser außerhalb des Campus zur Verfügung. Die Universität Duisburg-Essen wiederum begründet die Schließung zweier Gebetsräume mit Raumnot. Nach dem Ende mehrjähriger Sanierungsarbeiten an den Standorten in Duisburg und Essen soll es je einen „Raum der Stille“ geben, der allen Konfessionen offensteht, wie die Universität mitteilt.

          Der in Berlin ansässige Rat muslimischer Studierender und Akademiker hat vor allem die Schließungen der Gebetsräume in Berlin und Dortmund kritisiert. Man könne die Nutzer nicht, wie in Dortmund geschehen, aufgrund des Fehlverhaltens Einzelner kollektiv bestrafen. Das in Berlin vorgebrachte Argument staatlicher Neutralität zählt für den Rat nicht, denn diese habe, recht verstanden, nicht die Abwesenheit von Religion zur Folge, sondern fördere sie.

          „Haus der Stille“ sei keine Moschee, aber auch keine Kirche

          Das Frankfurter Modell wird andernorts durchaus als Vorbild gesehen, wie Joachim Valentin aus Gesprächen im Wissenschaftlichen Beirat des katholischen Forums Hochschule und Kirche weiß. Valentin gehört jenem Beirat an und ist seit kurzem auch Mitglied im Kuratorium des Vereins, der das „Haus der Stille“ in Frankfurt trägt. Eine „freundliche, aber klare Kontrolle“ nennt Valentin das Mittel, mit dem in Frankfurt Konflikte um das „Haus der Stille“ vermieden würden.

          Vorsitzender des Kuratoriums ist Rudolf Steinberg, der als damaliger Uni-Präsident maßgeblich an der Errichtung des Hauses beteiligt war. Das Kuratorium entscheidet, welche Gruppe das Haus nutzen darf. „Radikale Salafisten wollen wir nicht haben“, so Steinberg. Alle Nutzer müssten sich zu einem pluralistischen, toleranten Miteinander verpflichten. Das „Haus der Stille“ sei keine Moschee. „Aber es ist auch keine Kirche.“

          Bewusst auf bildliche oder figürliche Darstellungen einzelner Religionen verzichtet: der Gebetsraum der Goethe-Universität

          Wichtige Kriterien für die Nutzung als Gebetsraum durch Gruppen sind laut dem evangelischen Studentenpfarrer Eugen Eckert unter anderen, dass es sich um öffentliche Angebote handelt und Deutsch gesprochen wird. Eckert ist stellvertretender Vorsitzender des Vereins, der das „Haus der Stille“ trägt, und als solcher für das „operative Geschäft“ zuständig. Vereinsvorsitzender ist der jeweilige Universitätspräsident.

          Mainz und Darmstadt ohne „Häuser der Stille“

          Mitunter wurden Anliegen von Muslimen abgelehnt, wie Eckert schildert, etwa die Bitte, dass alle Besucher beim Betreten des Hauses die Schuhe ausziehen mögen und dass alle Frauen zum Beten auf die Empore gehen sollen. „Hier haben wir eingegriffen“, so Eckert, der als beratendes Mitglied ebenfalls zum Kuratorium gehört. Steinberg zufolge sind Muslime ein „wesentlicher Teil der Nutzer“. Das zeigt auch der Blick ins Gästebuch. Einmal gab es ein „egalitäres Freitagsgebet“, das eine Muslimin angeleitet hat, wie Eckert schildert. Die Gruppe habe sich aber zerstreut. An regelmäßigen Veranstaltungen gibt es derzeit unter anderem meditative Musik, ein Gebet christlicher Koreaner und ein Taizé-Gebet.

          An den Universitäten in Mainz und Darmstadt gibt es keine „Häuser der Stille“. Wie der Sprecher der TU sagt, will sich das Präsidium des Themas demnächst annehmen, auch angesichts der Vorgänge in Berlin, Dortmund und Duisburg-Essen. In Darmstadt treffen sich Muslime zum Freitagsgebet in einem Studierendenhaus; Veranstalter ist der Islamische Studentenverein. Er war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

          Die Muslimische Hochschulgruppe der Mainzer Uni teilt mit, dass sie sich um einen „Raum der Stille“ bemühe. Das sei „großes Anliegen vieler Studierender“, heißt es auf der Internetseite der Gruppe. Jener Raum könne von Muslimen für ihr Pflichtgebet genutzt werden, „aber auch von allen anderen Studierenden unabhängig von der Konfessionszugehörigkeit“.

          Ein Vertreter der Islamischen Hochschulgemeinde in Frankfurt war für ein Gespräch nicht zu erreichen. Dass der interreligiöse Ansatz des „Hauses der Stille“ bei manchen Gläubigen Anerkennung findet, zeigt der Eintrag einer Muslimin ins Gästebuch: „Ich hoffe, dass alle Menschen jeglicher Religion dieses Haus zu schätzen wissen und deshalb pfleglich behandeln, damit es lange erhalten bleibt. Einen ganz netten muslimischen Gruß“.

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