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Hauptversammlung : „Wie viel Francioni hält die Börse noch aus?“

  • -Aktualisiert am

In der Kritik: Reto Francioni, Vorstandschef der Deutschen Börse (links) und der am Mittwoch als Aufsichtsratsvorsitzender ausgeschiedene Manfred Gentz. Bild: Röth, Frank

Mit teils deftiger Kritik fordern die Aktionäre auf der Hauptversammlung der Deutschen Börse Informationen zur gescheiterten Fusion mit der New York Stock Exchange Euronext.

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          Manchmal führt das strenge Protokoll von Hauptversammlungen zu lustigen Szenen. „Wie viele Fusionen wollen Sie eigentlich noch verbocken, Herr Francioni“, muss Reto Francioni vor den versammelten Aktionären vorlesen, weil er die Frage eines Anteilseigners vor deren Beantwortung noch einmal wiederholt. Nicht jeder Aktionär fragt so direkt. Aber zur im Februar gescheiterten Fusion mit der New York Stock Exchange Euronext, die die Deutsche Börse über weite Teile des Geschäftsjahres 2011 beschäftigt hat, haben doch die meisten noch einige Nachfragen.

          Tim Kanning
          (kann.), Wirtschaft

          Vorstandschef Francioni selbst widmet dem Thema in seiner Rede nur eine kurze Passage. Er kritisiert noch einmal die Europäische Kommission dafür, dass sie die Verschmelzung aufgrund einer „unserer Meinung nach fehlerhaft verengten Marktdefinition“ untersagt hat und erläutert, warum die Börse die Entscheidung angefochten habe. Der Zusammenschluss könne dadurch nicht mehr nachgeholt werden, Nachteile bei künftigen Vorhaben sollten durch eine Klärung der Definition des Derivatemarktes aber verhindert werden. Anwaltskosten von zwei Millionen Euro entstünden dadurch über mehrere Jahre, sagte Francioni.

          Die Aktionäre wollen den „wieder einmal geplatzten amerikanischen Traum“, wie der Frankfurter Rechtsanwalt Markus Kienle sagt, nicht so schnell ad acta legen. Der Vertreter der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger kritisierte die „Arroganz und Nonchalance“, mit der Francioni über das Scheitern hinweg zu gehen versuche. So unvorhersehbar und unabwendbar, wie der Vorstandsvorsitzende glauben machen wolle, sei die Absage aus Brüssel nicht gewesen. Um die Kosten für die Fusion wieder hereinzuholen, könne er ja die nächsten 22 Jahre auf sein Vorstandsgehalt verzichten, sagte Kienle.

          Knapp 100 Millionen Euro hat die gescheiterte Fusion die Deutsche Börse gekostet. Einige der Posten schlüsselte Francioni auf Nachfrage von Aktionären auf: 46 Millionen wurden an Anwälte und Steuerberater gezahlt, zehn Millionen an Investmentbanken, noch einmal zehn Millionen hätten die zeitweise 100 eigenen Mitarbeitern gekostet, die mit der Anbahnung der Fusion beschäftigt waren. Die Deutsche Bank, deren Investmentbank das Hauptmandat der Börse erhalten hatte, hat Francioni zufolge 2,8 Millionen Euro an dem Projekt verdient - wäre die Fusion zustande gekommen, hätte sie 14 Millionen bekommen. Einige Aktionäre kritisierten, dass die Bank überhaupt mandatiert worden sei, schließlich habe in Person von Hermann-Josef Lamberti ein Vorstandsmitglied des Hauses im Aufsichtsrat der Börse gesessen. Auch die Kanzlei Mayer Brown hat die Börse bei dem Vorhaben beraten, deren Partner Friedrich Merz ebenfalls Aufsichtsratsmitglied ist.

          Dilettantismus war ein Vorwurf

          So gerät auch der Aufsichtsratsvorsitzende Manfred Gentz in die Kritik der Aktionäre, kurz bevor er am Ende der Hauptversammlung seinen Posten an den ehemaligen Allianz-Vorstand Jochen Faber abtrat.

          Dilettantismus warf der Kleinaktionär Karl-Walter Freitag, der als Berufskläger bekannt ist, sowohl Francioni als auch Gentz vor. „Nicht einmal die hessische Börsenaufsicht“ hätten die beiden überzeugen können, was er auch darauf zurückführte, dass Wirtschaftsminister Dieter Posch (FDP) erst aus der Zeitung erfahren habe, was die Börse plane. Die Aktionäre hatten am Mittwoch auch über die Neubesetzung des gesamten Aufsichtsrates abstimmen. Kritisiert wurde vor allem die Nominierung von Heinz-Joachim Neubürger. Der ehemalige Finanzvorstand der Siemens AG war in der Schmiergeldaffäre des Münchner Konzerns in den Fokus der Justiz geraten. Das Ermittlungsverfahren war im vergangenen Sommer gegen Zahlung eines Geldbetrags eingestellt worden. Es läuft aber noch eine Schadensersatzklage von Siemens gegen Neubürger.

          „Spektakuläre Sparprogramme“ vorerst nicht mehr

          Ein Anteilseigner wiederum sagte, Neubürger sei noch der am besten qualifizierte unter den Kandidaten. Bei den übrigen Nominierungen habe er den Eindruck, es gehe darum, den Aufsichtsrat ^zu einer „Friends-of-Francioni-Truppe“ zu machen. Die Frage sei aber angesichts der vielen gescheiterten Fusionen - „sieben Mal Coitus interruptus“ - wie viel Francioni sich die Deutsche Börse noch leisten könne.

          Bei aller Schelte gab es allerdings auch viel Lob vonseiten der Aktionäre in der zumindest anfangs gut besetzten Jahrhunderthalle. Schließlich hat die Börse trotz der Aufwendungen für die gescheiterte Fusion eines ihrer besten Geschäftsjahre hinter sich und kann sich nach wie vor als einziger europäischer Börsenbetreiber in der weltweiten Spitzengruppe behaupten.

          „Spektakuläre Sparprogramme“ gebe es nun vorerst auch nicht mehr, sagte Francioni. Durch den Umzug nach Eschborn liege die Steuerquote inzwischen bei 26 Prozent. Und die Mitarbeiterzahl solle derzeit auch nicht reduziert werden.

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