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Hattersheim : Das Wachstum bereitet der Kommune auch Sorgen

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Kaltes Pflaster: der Markt von Hattersheim. Die Kommune wächst, verändert sich und wird bürgerlicher. Bild: Cornelia Sick

Keine Stadt im Main-Taunus-Kreis wächst schneller als Hattersheim. Das allerdings stellt hohe Anforderungen an den Ausbau der Infrastruktur.

          Als sich im Sommer die Fußballteams auf dem Rasen beharkten, lieferten sich auch die Rathauschefs aus Kelkheim und Hattersheim einen verbalen Schlagabtausch. Das Thema von Albrecht Kündiger (Unabhängige Kelkheimer Wählerinitiative) und Klaus Schindling (CDU): Wer ist Bürgermeister der zweitgrößten Stadt im Main-Taunus-Kreis? Nach der aktuellen Statistik liegt Kelkheim mit knapp 30 000 Einwohnern noch immer um rund 1000 Einwohner vorne.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Aber Hattersheim mit den vielen neuen Baugebieten und weiteren Reserveflächen hole deutlich auf, räumte der Kelkheimer Kündiger ein. Er fügte aber hinzu: Einen ernsthaften Konkurrenzkampf oder Ehrgeiz um die größere Bevölkerungszahl gebe es nicht. Denn mit jedem zusätzlichen Einwohner wüchsen die Aufgaben und die Anforderungen an die Infrastruktur. Diese Einschätzung teilt sein Hattersheimer Kollege Schindling, der als Bürgermeister einer Schutzschirmkommune in der Daseinsfürsorge für seine Bürger bei weitem nicht aus dem Vollen schöpfen kann.

          Hoher Wohnwert mit Naherholung

          Wenn es um den Wohnungsdruck im Main-Taunus-Kreis geht, verweist Landrat Michael Cyriax (CDU) stets lobend auf die Mainstadt Hattersheim. Keine zweite Kommune im Main-Taunus-Kreis wuchs in den vergangenen zehn Jahren schneller. Die Baugebiete mit fast 600 neuen Wohnungen, Reihen- und Einfamilienhäusern in Hattersheim-Nord, dem Schokoladenviertel, Mühlenquartier und im Südwesten der Stadt bescherten der einstigen Arbeiterstadt fast 3000 neue Einwohner.

          Im Vergleich zu 1950 leben heute dreimal so viel Menschen in den Stadtteilen Okriftel, Eddersheim und Hattersheim. Und mit dem Bauen ist in Hattersheim noch lange nicht Schluss. Das Projekt Vordere Voltastraße komme voran, berichtete Schindling. Auf der Fläche sollen etwa 240 Wohneinheiten entstehen, davon 90 als Reihen- und Doppelhäuser und 150 im Geschosswohnungsbau. Dem Wohngebiet bescheinigte Schindling einen hohen Wohnwert mit Naherholung, angrenzender Kindertagesstätte, Spielplatz und einem S-Bahn-Haltepunkt. Der städtebauliche Entwurf, der auch einen kleinen Gewerberiegel vorsieht, soll in den nächsten Wochen vorliegen.

          Drei große Interessenten

          Hattersheim werde weiter wachsen, aber dies müsse mit Bedacht geschehen, hob Schindling hervor. Auch die Ortsgrenzen zwischen den einzelnen Stadtteilen dürften nicht verschwimmen. Jene 99 Prozent der Projektentwickler, die dem Bürgermeister kürzlich auf der Immobilienmesse Expo Real in München wieder nur Wohnungsbau vorschlugen, erhielten deshalb einen Korb. Dafür rückt laut Schindling die Neuansiedlung von Unternehmen in greifbare Nähe.

          Neue Heimat Hattersheim: An der Dürerstraße wird kräftig gebaut.

          Für das 40 000 Quadratmeter große Gewerbegrundstück südlich der Voltastraße könnten die notwendigen Erschließungsarbeiten für 2,3 Millionen Euro schon im April 2017 beginnen. Das ganzheitliche Konzept für das Gewerbegebiet nehme Rücksicht auf diverse Kriterien: Es sei ökologisch verträglich, enthalte soziale Komponenten und sei auch wirtschaftlich tragfähig. Es gebe drei große Interessenten, die sich ansiedeln wollten, berichtete er.

          Kinderbetreuung wird teurer

          Dass Wachstum nicht gleichbedeutend mit Reichtum ist, erfuhren die Hattersheimer 2010. Sie mussten den Schutzschirm des Landes in Anspruch nehmen und herbe Kürzungen akzeptieren. Das Schlimmste scheint nun ausgestanden, der Haushalt 2017 bleibt wie der des vergangenen Jahres ausgeglichen. Mit den Neubürgern, oft Familien mit bürgerlichem Hintergrund, veränderte sich längst schleichend das politische Klima der Stadt. Am deutlichsten bekam diese Wende die nicht wiedergewählte Bürgermeisterin Antje Köster (SPD) zu spüren, die ausgerechnet in den neuen Baugebieten die schlechtesten Ergebnisse erzielte.

          Nachfolger Schindling profitierte von der veränderten Wählerstruktur und sieht sich nach 63 Jahren auch erstmals von einer bürgerliche Koalition gestützt. Seine Sorgen blieben die gleichen: Die Kindergartenplätze reichten nicht mehr aus. Für 115 Kinder fehle derzeit ein Platz, erläuterte er. Ein neuer Kindergarten müsse gebaut werden. In Eddersheim nimmt Schindling zudem die frühere Grundschule ins Visier, die derzeit noch mit Flüchtlingen belegt ist. Der Kreis zeige sich verhandlungsbereit, berichtete der CDU-Politiker.

          Hattersheim wolle das Gebäude als Kindertagesstätte nutzen, wenn die Flüchtlinge in das umgebaute frühere Forschungszentrum am Kastengrund umquartiert würden. Und die Kinderbetreuung wird für Eltern wieder einmal teurer. Nach dem Haushaltsplan 2017 steigen die Gebühren um fünf Prozent. Schindling versprach aber, die komplexe und komplizierte Gebührensatzung zu vereinfachen.

          Unerwartete Neubürger

          Durfte sich der neue Bürgermeister jüngst zwar wie Hans im Glück fühlen, als ein Mäzen der Stadt 500.000 Euro für die Sanierung der maroden und geschlossenen Stadthalle überwies, so drückt die klamme Kommune dennoch ein anderes Problem: Die Gebäude der insolventen Selbsthilfe im Taunus, in denen die Stadt Flüchtlinge unterbringt, werden demnächst endgültig zwangsversteigert. Für obdachlose Bürger fehle es dann an Wohnraum. Wie sich der Bedarf entwickle, sei schwer abzuschätzen.

          Derzeit würden von den ersten anerkannten Asylbewerbern aber schon gesetzliche Vorgaben genutzt, berichtete er. So habe vor einigen Wochen eine afghanische Frau mit ihren sechs Kindern am Frankfurter Flughafen gestanden, deren Ehemann in Hattersheim auf sie gewartet habe. Unterbringen müsse nun die Stadt die gesamte Familie, obwohl der Mann weder eine Arbeit noch eine eigene Wohnung vorweisen könne, was neben der Anerkennung eigentlich Voraussetzung für eine Familienzusammenführung sei. Schon zwei weitere ähnliche Fälle habe es gegeben. Wenn der Trend anhalte, befürchtet Schindling, wisse er nicht mehr, wo er die unerwarteten Neubürger unterbringen solle.

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