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Nachts auf Frankfurts Straßen : „Ich bin nämlich kein Marok, ich seh nur so aus“

Auf Nummer sicher: In Alt-Sachsenhausen ist die Polizei mit einem Gefangenentransporter präsent, auch wenn der Abend ruhig bleibt Bild: Marcus Kaufhold

Nach den Übergriffen an Silvester sind derzeit die Frankfurter Straßen nachts so leer wie lange nicht. Es hat sich etwas verändert. Und auch wieder nicht.

          Herr D.s rundes Gesicht und seine Halbglatze leuchten grün, blau und gelb, im Wechsel des Lichts vor MyZeil, und Herr D. spielt sein Spiel. „Komm, sag mir, wo ich herkomme“, sagt er. Herr D. hat das schon öfter gemacht, dreht gespannt die Zigarette zwischen den Fingern und vergisst zu blinzeln. Wer sich für klug hält oder Spielverderber sein will, sagt jetzt: Frankfurt. „Nee, komm, rate mal. Ich hab keinen deutschen Pass“, sagt Herr D. „Hast drei Versuche.“

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          30 Anzeigen hat die Soko „Steg“ bei der Frankfurter Polizei bis Ende vergangener Woche gezählt. Gestellt von Frauen, die im Neujahrstaumel am Eisernen Steg beleidigt, bedrängt und bestohlen worden sind. Sie alle sagen, die Täter hätten ausgesehen wie Nordafrikaner. Auch die Männer, die in Köln massenhaft Frauen auf der Domplatte angegriffen haben, sollen Nordafrikaner gewesen sein.

          „Hey Babe“

          Und jetzt, nach zwei Wochen hitziger Debatte um Fremde, Frauen und Furcht, steht Herr D. in der Nacht und will sein Spiel spielen. Okay: Tunesien? „Nee.“ Herr D. freut sich, es klappt einfach immer. Marokko? Türkei? „Nee. Ich bin halb Chilene und halb Spanier.“ Jetzt zündet er sich die Zigarette an, nimmt einen langen Zug. Jemand ruft, Herr D. sei ein Marok, ein Schimpfwort für Marokkaner. „Siehste“, sagt Herr D. Das sei das, was er meine. „Ich bin nämlich kein Marok, ich seh nur so aus.“

          Angenehm war es noch nie, nachts als Frau an den Jungsgruppen vorbeizulaufen, die die ganze Breite der Zeil für sich beanspruchen. Sie reichen sich gegenseitig Plastikbecher mit Cola und billigem Rum aus Rewe-Tüten, und schon von weitem ist zu hören, dass da gleich was zu hören sein wird. „Ich hab voll weiche Hände, hast du auch so weiche Hände?“, ist da ein Spruch aus dieser Nacht von Freitag auf Samstag, harmlos irgendwie, aber trotzdem hat nie jemand danach verlangt.

          Es ist nichts neu also an diesem Gefühl. Neu ist nur, sich selbst daran erinnern zu müssen, dass das Gefühl nicht nur da ist, wenn einem dunkelhäutige Jungs mit von Fußballern abgeguckten Haarschnitten entgegenkommen. Neulich zum Beispiel, da war diese Jungsgruppe an der Alten Oper, von weitem als betrunken erkennbar, Phänotyp Banker. „Hey Babe“, schrie der eine plötzlich, genauso unverlangt. Er hielt das offenbar für erfolgversprechend.

          Gefangenentransporter extra für Taschendiebe

          Neu sind in der Nacht nach Silvester die vielen Streifenwagen auf der Zeil. Einer davon fährt jetzt eine scharfe Kurve, weil an der Ecke vorm Primark eine dieser Gruppen dunkelhaariger Jungmänner um zwei Rewe-Tüten steht. Der Polizist am Steuer bremst kurz, kurbelt das Fenster herunter, guckt, fährt weiter. Die Jungs lachen.

          „Das Auto könnte auch neben mir anhalten“, sagt Herr D. Sein Spiel hat bewiesen, dass er nach etwas aussieht, was er nicht ist. Herr D. ist 33 Jahre alt und arbeitet als IT-Techniker in einer Bank. „Ich bin im Krankenhaus in Ginnheim geboren, und ich bin in Eschersheim aufgewachsen.“ Er sagt, er werde seit Silvester noch öfter angeguckt in der U-Bahn. Und dass das nicht in Ordnung sei.

          In Alt-Sachsenhausen hat die Polizei vor allem die Jungs im Auge, die so aussehen wie Herr D. Das ist der Job, sagen sie. Nicht so sehr in dieser Nacht, in der die Straßen der Stadt so leer sind wie schon lange nicht mehr: Im Bahnhofsviertel, wo die zwei Polizeirazzien von vergangener Woche Eindruck gemacht haben und wo nach den Worten von einem, der hier jede Nacht auf ein Hotel aufpasst, alle rumänischen und bulgarischen Frauen auf Heimaturlaub seien. „Wie sonst auch um diese Jahreszeit“, sagt er, es fehlten dann halt 1500 Mädchen, potentielle Konsumenten der Drogen, die hier sonst verkauft werden. Leer ist es aber auch auf der Zeil, auf der Klappergasse, überall. Der Samstag zählt gerade einmal anderthalb Stunden, als der eigens für die Taschendiebe in Sachsenhausen aufgestellte Gefangenentransporter wieder davonfährt.

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