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Frankfurts Handwerks-Präsident : „Für viele Studenten wäre eine Lehre besser“

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„Diese Akademisierung passt aber in keiner Weise zum tatsächlichen Bedarf auf dem Arbeitsmarkt“: Frankfurter Handwerks-Präsident Bernd Ehinger Bild: Wonge Bergmann

Bernd Ehinger macht’s noch einmal: Der Präsident der Handwerkskammer Frankfurt/Rhein-Main tritt zu den Neuwahlen im Herbst wieder an. Im Interview beklagt er die Über-Akademisierung und setzt auf Flüchtlinge zur Sicherung des Fachkräftenachwuchses.

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          Sie fordern Studenten dazu auf, eine Ausbildung im Handwerk zu absolvieren, statt das Studium abzuschließen. Was treibt Sie dazu?

          Nicht unbedingt nur im Handwerk, für die IHK-Lehrberufe gilt dasselbe. Aus Universitäten ist die Ansicht zu hören, dass für rund 30 Prozent der Studierenden eher eine duale Ausbildung der richtige Weg gewesen wäre. Die Gleichstellung von dualer Ausbildung und Studium nach dem Abitur ist in unserer Gesellschaft aber in den Köpfen noch längst nicht vollzogen, gerade auch bei den Eltern. Ich sage, wer nach dem Abitur erst einmal in eine Berufsausbildung geht, verbaut sich gar keine Chancen, im Gegenteil. Man kann später immer noch ein Studium aufnehmen, hat aber schon ein solides Fundament - und schon einmal Kontakt zum richtigen Leben gehabt. In dem Zusammenhang halte ich das duale Studium für besonders wichtig. Also die Kombination aus Berufsausbildung und Studium.

          Sie warnen also vor der Gefahr einer Über-Akademisierung. Können Sie das erläutern?

          Man muss sich vor Augen halten, dass inzwischen in Deutschland 57 Prozent eines Jahrgangs ins Studium gehen. Diese Akademisierung passt aber in keiner Weise zum tatsächlichen Bedarf auf dem Arbeitsmarkt. Diese Arbeitsplätze sind doch gar nicht da. Das ist doch eines der zentralen Probleme des spanischen Arbeitsmarktes. Das darf hier nicht so weit kommen.

          Sie sind Teilnehmer des hessischen Bildungsgipfels. Ist da tatsächlich etwas zu bewegen?

          Ich sage Ihnen einmal ganz offen, ich habe den Eindruck, dass es dabei teilweise vor allem um die Verteidigung von Pfründen geht. Um die Bedürfnisse und Interessen der Kinder geht es leider kaum.

          Ein harter Vorwurf. Was meinen Sie genau?

          Nehmen wir das Beispiel Ganztagsschulen. Wir müssen einfach zur Kenntnis nehmen, dass wir sie brauchen, um der gesellschaftlichen Realität gerecht zu werden. Als beim Bildungsgipfel dann ein Teilnehmer schlussfolgerte, dass dann natürlich auch die Lehrer entsprechend länger anwesend seien müssten, brach ein Sturm der Empörung los. Aber man muss doch darüber sprechen, an der Ganztagsschule führt doch kein Weg vorbei. Und wir müssen gemeinschaftlich als Gesellschaft eine Lösung finden und aufeinander zugehen. Schließlich geht es um die Zukunft der jungen Menschen. Wir im Handwerk haben uns untereinander bildungspolitisch abgestimmt und sprechen mit einer Stimme.

          Wie ist die Lage der Berufsschulen?

          In Frankfurt will ich mich da nicht pauschal beschweren. Wenn Sie aber aufs Land gehen, dann wird es schon schwierig, Auszubildenden in vertretbarerer Nähe Berufsschulunterricht anzubieten, beispielsweise auch an anderen Schulen.

          Noch einmal zur Frage der Sicherung des Fachkräftenachwuchses. Die Diskussion um die steigende Zahl von Bürgerkriegs- und Elendsflüchtlingen in Deutschland hat Sie zu dem Vorschlag bewogen, Flüchtlinge zu schulen und auszubilden. Wie soll das gehen?

          Es ist ganz sicher der falsche Weg, dass die Flüchtlinge über ein Jahr erst einmal nichts tun. In unserem Berufsbildungs- und Technologiezentrum in Bensheim wollen wir vom Handwerk in einem Versuch Flüchtlinge ausbilden. Wir wollen erst eine sprachliche Qualifikation bieten und dann sehen, ob wir sie nicht auch gleich fürs Handwerk gewinnen können. Wir können die Leute doch nicht auf der Straße stehenlassen. Allein in diesem Jahr kommen rund 400 000 neue Flüchtlinge hinzu. Da müssen und wollen wir etwas tun.

          Das hört sich an, als ob Sie noch eine Menge vorhaben. Im Herbst sind Neuwahlen. Treten Sie noch mal zur Wahl des Kammerpräsidenten an?

          Ja, ich stelle mich zur Wahl.

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