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Werkunterricht in Hessen : Handwerk will mit neuem Schulfach den Lehrlingsmangel beheben

Hand anlegen: Könnte es in Hessen bald einen Werkunterricht geben? Bild: dpa

Die hessischen Handwerkskammern wollen mit Werkunterricht Schüler für Handarbeit begeistern. Sie sind aber nicht die einzigen, die neue Fächer fordern.

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          Bernd Ehinger kann Knöpfe annähen. Das habe er, erzählte der hessische Handwerkspräsident, schon in der Schule gelernt, im Werkunterricht. „Der hat mir nicht geschadet.“ Ob es auch dieser Unterricht war, der ihn motiviert hat, Elektrounternehmer zu werden, verriet er zwar nicht. Aber wenn es nach ihm und den hessischen Handwerkskammern geht, sollen künftig alle Schüler Werken als Unterrichtsfach bekommen – und dabei entdecken, dass ihnen Handwerken Spaß macht und sie nicht studieren wollen.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Denn gerade die Handwerker haben Nachwuchssorgen. Unterschrieben in den achtziger Jahren noch jährlich mehr als 20.000 Jugendliche in Hessen einen Ausbildungsvertrag, sind es aktuell gerade noch gut 10.000, wie Bernhard Mundschenk, Geschäftsführer des Hessischen Handwerkstags, berichtete. Dass es nicht noch weniger sind, sei hauptsächlich den Flüchtlingen zu verdanken. „Rund 1000 Auszubildende haben einen Fluchthintergrund“, sagte Mundschenk.

          Der Mangel schmerzt gerade in einer Zeit, in der die Nachfrage nach Handwerkern stetig wächst. Im vergangenen Jahr sei der Umsatz um vier Prozent auf 38 Milliarden Euro gestiegen, es sei damit das neunte Jahr in Folge mit einem Wachstum gewesen, berichtete Handwerkspräsident Ehinger. Für dieses Jahr rechnet er mit weiteren drei Prozent Zuwachs. Das Plus könne sogar noch größer sein, aber für viele Aufträge fehle es bereits an Fachkräften.

          Handwerker verdienen weniger

          Seit Jahrzehnten wollen immer mehr Jugendliche studieren, der Anteil der Gymnasiasten an einem Jahrgang beträgt mittlerweile 60 Prozent. Aus Sicht von Statistikern ist das nachvollziehbar: Gut 2000 Euro im Monat verdient ein Studierter im Mittel mehr als jemand mit einer Berufsausbildung, zeigen Zahlen der Bundesarbeitsagentur.

          Um das Handwerk attraktiver zu machen, haben die Kammern immer wieder neue Ideen. Sie setzen auf Imagekampagnen, schicken Werbebotschafter in die Schulen oder fordern die Gleichstellung von Meisterabschlüssen mit Studienabschlüssen. In Frankfurt kooperiert die Handwerkskammer mit der Goethe-Universität, um Studienabbrecher für eine Berufsausbildung zu gewinnen. 70 bis 80 Abbrecher, berichtete Ehinger, hätte man überzeugt.

          Nun solle ein Fach „Werken/Technik“ für die Sekundarstufen I und II eingeführt werden, haben die Handwerkskammern dem hessischen Kultusministerium vorgeschlagen. Alte Schulen müssten natürlich dafür mit Werkraum und Werkzeugen ausgestattet werden, bei Neubauten sei der zusätzliche Platzbedarf gleich einzuplanen.

          Bis zu 35 Stunden pro Woche

          Nun sind die Handwerker nicht die einzigen, die ein neues Schulfach wünschen. Verbraucherschutz, Gesundheit, Finanzkompetenz, Medienumgang oder auch gesunde Ernährung werden etwa regelmäßig gefordert, die Industrie- und Handelskammern haben ein eigenes Fach Wirtschaftskunde vorgeschlagen. Welche bestehenden Fächer im Gegenzug gekürzt werden sollen, kann der Hessische Handwerkskammertag nicht sagen. Schüler haben je nach Klassenstufe 29 bis 35 Unterrichtsstunden pro Woche, dazu kommt die Zeit für Hausaufgaben, Lernen, Projektarbeit und Nachhilfe.

          In der Landesregierung sieht man offenbar keinen Bedarf an einem neuen Schulfach. Werken und Technik würden schon fächerübergreifend berichtet, heißt es aus dem hessischen Kultusministerium, daneben gebe es außerhalb des Unterrichts Projekte und Initiativen. Zudem gebe es seit August 2018 eine spezielle Verordnung, die praxisorientierte Bildungsgänge, Betriebspraktika und Orientierungsprogramme vorsehe. Und an beruflichen Gymnasien fänden sich zahlreiche Technik-Schwerpunkte. „Im Übrigen lässt sich die Stundentafel nicht unendlich ausdehnen“, heißt es aus dem Ministerium. Für ein Fach Werken, soll das offenbar heißen, fehle schlicht die Zeit. So müssen Schüler das Knopfannähen wohl zu Hause lernen – von ihren Eltern.

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