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„Sicherheit aufs Spiel gesetzt“ : Kaminsky zeigt sich fassungslos nach Notruf-Mängeln

Der Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky wirft den politisch Verantwortlichen vor, die Sicherheit von rund 100.000 Hanauern sehenden Auges aufs Spiel gesetzt zu haben. (Archivbild) Bild: dpa

Nachdem neue Erkenntnisse zur Untersuchung wegen fahrlässiger Tötung von Vili-Viorel Paun bekannt wurden, äußerte sich Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky. Er sei wütend auf die politisch Verantwortlichen.

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          Von „unvorstellbaren Mängeln in der gesamten Organisationsstruktur der Polizei“ spricht Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD). Er reagiert damit auf Untersuchungen der Hanauer Staatsanwaltschaft zum Attentatsabend des 19. Februar 2020, als ein rassistisch motivierter Attentäter neun Menschen in der Stadt erschoss. Die vollständigen Ergebnisse der „Voruntersuchungen“ der Staatsanwaltschaft nach Medienberichten über die mögliche Unterbesetzung des Notrufs und einer Anzeige des Vaters von Vili-Viorel Paun wegen fahrlässiger Tötung waren in dieser Woche bekannt geworden. Sein Sohn hatte den Attentäter verfolgt und war am zweiten Anschlagsort erschossen worden. Der Vater geht davon aus, dass ein Gespräch mit einem Beamten bei der Verfolgungsjagd den Tod seines Sohnes hätte verhindern können, doch der junge Mann konnte mit seinem Handy niemanden auf der Wache erreichen.

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          Luise Glaser-Lotz
          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Er sei fassungslos und maßlos wütend, sagt Kaminsky. Er wirft den politisch Verantwortlichen vor, die Sicherheit von rund 100.000 Hanauern sehenden Auges aufs Spiel gesetzt zu haben, denn trotz aller Forderungen aus den Reihen der Polizei nach mehr Personal und besserer Technik sei nichts an den prekären Umständen verbessert worden. Was die Staatsanwaltschaft in akribischer Sorgfalt herausgearbeitet habe, belegt nach Ansicht von Kaminsky die über Jahre bestehenden Missstände. In der Vergangenheit habe es immer wieder Hinweise aus der Bevölkerung gegeben, dass die Polizeidirektion in Hanau augenfällig unterbesetzt gewesen sei.

          Zu wenig Polizisten im Dienst

          Offensichtlich habe die Stadt nach der Zusammenlegung der Polizeipräsidien Hanau und Offenbach spürbar zurückstecken müssen, wenn es um die technische und personelle Ausstattung gegangen sei. Das habe eine deutliche Schwächung des Standorts bedeutet, die trotz aller Anhaltspunkte nie kompensiert worden sei. „Wie wir heute wissen, sind in einer regulären Schicht der Polizeistation Hanau 1 nur sieben Beamte im Dienst. Schon diese Besetzung ist für das Gebiet der Innenstadt, Kesselstadt und Mittelbuchen zu wenig“, sagt Kaminsky.

          Die Beamten der Wache hätten seit vielen Jahren die schwierige Aufgabe zu bewältigen gehabt, einen dauerhaften Mangel an Personal zu verwalten. In der Nacht des Anschlags seien dann noch drei Polizeikräfte abgezogen worden, um die Kollegen bei einer Bombenentschärfung in Zeppelinheim zu unterstützen. „Ich frage mich ernsthaft, wer ist für einen solch taktischen Unfug zuständig und wer hat diese Entscheidung zu verantworten?“ Sicherlich seien in der Vergangenheit schon solch brenzlige Situationen heraufbeschworen worden, ohne dass es bekannt geworden sei, „einfach, weil wir Glück hatten und alles gut gegangen ist“, sagt Kaminsky.

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