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Jüdische Juristen : Verfolgt als Juden, Pazifisten und Demokraten

Verfolgt, entrechtet, ermordet: Eine Gedenktafel im Hanauer Landgericht. Bild: Rainer Wohlfahrt

Der frühere Hanauer Richter Gerhard Lüdecke erforscht das Schicksal jüdischer Juristen nach 1933. In dem städtischen Landgericht wird an elf Mitarbeiter erinnert.

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          Der Hanauer Rechtsanwalt und Notar Leo Koref war ein angesehener Mann, denn er zählte zu den am Landgericht zugelassenen jüdischen Rechtsanwälten und soll seine Mandanten auch dann weiter vertreten haben, wenn ihnen das Zahlen der Anwaltsgebühren nicht mehr möglich war. Doch am 7. Juni 1933, kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, wurde er aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ als Notar entlassen. 1938 verlor er auch noch seine Zulassung als Anwalt. In seiner Privatwohnung an der Hanauer Corniceliusstraße durfte er fortan nur noch als sogenannter Rechtskonsulent tätig sein.

          Luise Glaser-Lotz
          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Doch es kam noch viel schlimmer: Kurz nach der Pogromnacht stürmten maskierte Nationalsozialisten die Wohnung des promovierten Juristen, bedrohten seine Mutter mit einer Pistole, schlugen ihn und nahmen alles von Wert mit, was sie in der Wohnung fanden. 1942 wurde Koref mit seiner 88 Jahre alten Mutter nach Theresienstadt deportiert. Die alte Frau starb dort sofort, Koref einige Wochen später.

          Sämtliche Feindbilder vereint

          Dieses Schicksal ist nur ein Beispiel für das Leid, das den jüdischen Juristen während der Nazizeit in Deutschland angetan wurde. Wenn es überhaupt noch mehr Hass geben konnte als den, den die Nationalsozialisten ohnehin gegenüber allen Juden zum Ausdruck brachten, dann galt er den jüdischen Juristen. „Die Juden als Organe der Rechtspflege waren ihnen besonders verhasst. Jüdische Advokaten hatten das liberale Element im deutschen Rechtssystem repräsentiert.

          Als Juden, Pazifisten, Sozialisten, engagierte Demokraten und Anhänger des republikanischen Rechtsgedankens vereinigten sie wie kaum eine andere Bevölkerungsgruppe sämtliche Feindbilder des Nationalsozialismus“, schreibt Gerhard Lüdecke in einem Aufsatz, in dem er seine Recherchen über die Verfolgung der jüdischen Richter, Anwälte und Notare in Hanau zusammengefasst hat.

          Der noch nicht veröffentlichte Text ist bestimmt für das jährlich erscheinende „Neue Magazin“ des Hanauer Geschichtsvereins und setzt die von dem Hanauer Ehepaar Gabriele Lüdecke-Eisenberg und Gerhard Lüdecke angestoßene Erinnerungsarbeit über den Leidensweg der jüdischen Justizvertreter in der Stadt fort.

          Den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge

          Auf Initiative des ehemaligen Richters und der Tochter des Hanauer Rechtsanwalts Oswalt Eisenberg, der jüdische Juristen vertrat und Entschädigungsfälle bearbeitete, wurde im vergangenen November eine Erinnerungstafel im Hanauer Landgericht errichtet. Sie listet die Namen von elf verfolgten, entrechteten, vertriebenen und ermordeten jüdischen Juristen in Hanau auf: Außer Leo Koref sind das Alfred und Julius Grünebaum, Siegmund Kaiser, Felix Lesser, Max Moritz, Ernst Julius Nelkenstock, Max Nussbaum, Max Rapp, Ludwig Rosenthal und Elkan Sondheimer.

          Vor allem die jüdischen Rechtsanwälte und Notare wie Koref, Moritz, Nelkenstock, Nussbaum, Rapp und Sondheimer waren im Justizwesen dieser Zeit besonders stark vertreten. Viele Juden machten laut Lüdecke vor der Zeit des Nationalsozialismus von der Möglichkeit Gebrauch, freiberuflich im juristischen Sektor zu arbeiten. Sie seien damit unabhängig vom Wohlwollen in den staatlichen Dienst aufnehmender Institutionen wie Justizverwaltung, öffentlicher Dienst und Universitäten gewesen. Die Zahl der jüdischen Rechtsanwälte habe daher stetig zugenommen.

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