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Hanau nach der Bluttat : „Die Trauer und der Schock sind einfach zu groß“

Trauer: Ein Polizist hilft einer älteren Frau in der Nähe eines Tatortes am Heumarkt eine Kerze anzuzünden. Bild: dpa

Nach der Bluttat sind vor allem Hanauer mit ausländischen Wurzeln verunsichert. Viele haben Angst, andere fürchten sich vor einer Debatte um ausländische Zugehörigkeit. Was bei allen vorherrscht, ist aber der Schock.

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          Eine Gruppe Männer steht vor dem Aydin-Markt am Kurt-Schumacher-Platz. Der türkische Supermarkt hat an diesem Donnerstagmorgen geschlossen. Die Männer haben die Köpfe zusammengesteckt, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben. An anderen Tagen wären sie vielleicht lauter, fröhlicher. So, wie es unter Freunden üblich ist. Nicht aber an diesem Morgen, der für sie gefühlt gar kein Morgen ist. Sie haben nicht geschlafen. Kaum gegessen. Für sie ist es einfach nur die Zeit nach der Tat. „Ich war am Abend noch drin in dem Café“, sagt Yusuf B. Die Worte kommen plötzlich, nachdem er lange geschwiegen hat.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Hanns Mattes

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Er heißt eigentlich anders, will aber seinen Namen nicht nennen. Aus Angst. Er habe in dem Café noch Freunde getroffen. Sie hätten beisammen gesessen, geredet. Als sie sich eine Pizza bestellen wollten, habe er gesagt, er werde lieber nach Hause gehen, seine Frau habe gekocht. „Ich machte mich auf den Weg. Und als ich schon fast an der Haustür war, sah ich plötzlich die Polizeiwagen die Straße herunterfahren. Da war klar, dass irgendwas passiert sein muss.“ Er rannte zurück zum Café, sah die Opfer auf dem Boden liegen. Auch die beiden Freunde, mit denen er zusammengesessen hat. In dem Moment, sagt er, habe er noch gar nicht realisiert, wie knapp er selbst dem Anschlag entkommen sei. „Aber jetzt wird mir das alles bewusst.“

          Offenbar aus Fremdenhass

          Yusuf B. ist nicht der einzige Hanauer mit Migrationshintergrund, der die Opfer kannte. Und ist er nicht einzige, der getroffen ist von der Tat. Weil es ebenso hätte ihn treffen können. Dass der mutmaßliche Täter, Tobias R., offenbar aus Fremdenhass handelte, diese Nachricht verfolgen viele der in der Weststadt lebenden Migranten schon den ganzen Morgen.

          „Gezielte Schüsse, weil man anders aussieht – das hätte ich in unserer Stadt für unmöglich gehalten“, sagt auch ein Familienvater aus Hanau, der ebenfalls anonym bleiben will. Er ist türkischer Abstammung, engagiert sich in der SPD und arbeitet in der Stadtverwaltung. Allein der Gedanke, dass es hier zu einem Amoklauf kommen könnte, sei schwer zu fassen, aber ein Terror-Hintergrund schockiere erst recht: „Ich kann eigentlich noch gar nichts sagen, ich muss mich erst einmal sammeln.“

          Die Trauer und der Schock

          Ein Freund von Yusuf B. sagt, man müsse jetzt abwarten. „Im Moment können wir noch nicht viel dazu sagen. Die Trauer und der Schock sind einfach zu groß.“ So sehen es auch andere. Sie sagen, man dürfe nicht „emotional herangehen“, es habe in erster Linie die Opfer in den Cafés getroffen. Das sei schlimm genug. Nun aber daraus eine Debatte herzuleiten zwischen Deutschen und Ausländern, das wolle man nicht. „Viele von uns fühlen sich ja gar nicht als Migrant.“

          Gegenüber, am anderen Ende des Platzes, steht die Familie von jener Frau, die unter den Opfern war. Es heißt, sie stamme aus Rumänien. Die Angehörigen stehen schon seit Stunden dort, an der Polizeiabsperrung, und kommen doch nicht näher heran an den Ort, an dem ihre Tochter und Schwester ihr Leben verlor.

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