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Hanau nach der Bluttat : „Die Trauer und der Schock sind einfach zu groß“

Seine Schwester sei nur 35 Jahre alt geworden, sagt ein Mann aus der Familie. Sie sei das einzige weibliche Opfer des Terroranschlags in der Hanauer Weststadt. Er könne es nicht verstehen, wie man auf eine Frau schießen könne. 20 Jahre habe er in diesem Teil des Hanauer Stadtgebiets Kesselstadt gewohnt, dann sei er fortgezogen, erzählt der Mann. Hier herrsche Gewalt und Drogenmissbrauch, weil so viele Asoziale in der Weststadt wohnten, aus Afrika zum Beispiel oder dem Nahen Osten. Und die Stadt unternehme nichts dagegen. Dann wendet er sich ab, er habe genug geredet in den vergangenen Stunden, meint er noch.

Eine andere Stimme über das Quartier

Kadir K. ist auch in einem der Hochhäuser der Hanauer Weststadt aufgewachsen. Die Meinung des Deutschtürken über das Quartier ist deutlich besser. Seine Sportsbar betreibt er nicht dort, sondern in unmittelbarer Nähe des Tatorts in der Innenstadt. Als die ersten Schüsse zu hören gewesen seien, habe er die Übertragung eines Fußballspiels abgebrochen und sei auf die Straße gelaufen. Nicht weit entfernt habe er einen Körper auf der Straße liegen sehen. Da habe er die Eingangstür abgeschlossen und seine Gäste aufgefordert, von den Fenstern weg und weiter ins Innere des Lokals zu gehen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in Hanau so etwas gibt“, sagt K. auch Stunden nach dem Anschlag. Er selbst habe deutsche und türkische Freunde, da gebe es keinen Unterschied. Der aus Hanau stammende Attentäter habe einfach die Gegend „auf dem Kieker gehabt“, so Kadir K.

Doch er erkennt auch wachsende Fremdenfeindlichkeit, nicht speziell in Hanau, sondern in ganz Deutschland. Da sei in letzter Zeit auch über die Medien viel „hochgekocht“. Einige der Opfer habe er gekannt. Den 38 Jahre alten Gürkan G. zum Beispiel. Mit dem sei er in Kesselstadt zur Schule gegangen. G. habe mehrere schwere Unfälle gehabt in seinem Leben. „Wir haben immer gewitzelt darüber, dass er alle überlebte.“ Doch dieses Mal habe er kein Glück im Unglück gehabt.

Treffpunkt von Zuwanderern

Ruhe wird es in der Hanauer Weststadt wohl nicht so schnell geben. Der Stadtteil wirkt seit Jahren schon geteilt. Auf der einen Seite gibt es Straßenzüge, die als gutbürgerlich gelten. Nur wenige Straßen weiter beginnt der einstige soziale Wohnungsbau. Hochhäuser, in denen inzwischen viele Migrantenfamilien leben. Auch das Café am Kurt-Schumacher-Platz galt als Treffpunkt von Zuwanderern. Eine klassische Shisha-Bar war es nicht. Die Menschen kamen, um sich zu treffen. Um Kaffee zu trinken. Ein Stadtteil-Treff, wie es ihn in jedem Viertel mit höherem Migrantenanteil in einer Großstadt gibt.

Die meisten, die sich an diesem Morgen rund um den Kurt-Schumacher-Platz versammeln, haben den nächtlichen Einsatz miterlebt. Einige haben die Schüsse gehört. Andere sind durch den Hubschrauber aus dem Schlaf gerissen worden. Der Kurt-Schumacher-Platz, berichtet ein Anwohner, der aus der Türkei stammt und seit dreißig Jahren in Hanau lebt, „war voll mit Menschen“. Er sagt, man müsse nun zusammenhalten. „Das gilt nicht nur für Ausländer, sondern für alle.“

Hilfetelefon für Betroffene der Gewalttat von Hanau

Wenn Betroffene der Gewalttat von Hanau Unterstützung benötigen, können sie sich an ein Hilfetelefon wenden. Unter der Nummer 0800-0009546 können Betroffene ihr Anliegen vorbringen, wie der Beauftragte der Bundesregierung für die Opfer terroristischer Taten, Edgar Franke, am Donnerstag bei Twitter schrieb. Er wies zugleich auf weitere Hilfsangebote auf der Internetseite des Bundesjustizministeriums hin. (dpa)

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