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„F.A.Z.-Leser helfen“ : Stark für zwei

„Die Albträume sind weg“: Elena hat nach Jahren des Leidens durch eine Therapie bei der Stiftung „Starke Bande“ wieder Hoffnung geschöpft. Bild: Aders, Hannah

Die Verletzungen an Händen, Füßen und Rücken, die Elena durch Prügel bekommen hat, schmerzen noch immer. Aber die junge Mutter gibt trotz häuslicher Gewalt nicht auf. Sie hat sich Hilfe bei der „Starken Bande“ geholt.

          5 Min.

          Elena war ganz unten. Als sie den Mann verlassen hatte, der sie jeden Tag prügelte, der ihr den Lohn wegnahm, den sie im Bett waschen musste, wenn er keine Lust hatte, aufzustehen. Als sie diesen Albtraum hinter sich lassen wollte, begann der nächste. Sie stand allein da. Freunde? Verloren in den langen Jahren, in denen ihr Mann alles darangesetzt hatte, sie zu isolieren. Ihre Mutter? Alkoholikerin. Vater? „Ich kenne keinen Vater, ich kenne das Wort gar nicht“, sagt die junge Frau mit dem langen dunklen Zopf.

          Theresa Weiß

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für die nächsten drei Jahre lebte Elena auf der Straße. Diese Zeit beschreibt sie mit zwei trockenen Sätzen: „Ich bin in Gärten eingebrochen. Habe bei Rewe geklaut.“ Sie spricht deutlich, beschönigt und entschuldigt nicht, was da passiert ist. Sie hat damit abgeschlossen. Denn mittlerweile gibt es etwas in ihrem Leben, das sie nach vorn blicken lässt. Ihre Tochter ist anderthalb Jahre alt und tapst in einer blaugemusterten Stoffhose durch das Zimmer.

          Auch als Elena, die ihren Nachnamen nicht preisgeben will, obdachlos war, ging sie noch zu ihrem Mann, um zu putzen. Dann wieder in einen Kleingarten, schlafen, oder irgendwo in der Stadt. Hilfsangebote habe sie nicht gekannt, sagt sie. Alles war so aus den Fugen geraten.

          „Ich war ihm hörig“

          Elena dachte, sie liebe diesen Mann. Seit sie 14 Jahre alt war, hatte sie bei ihm gelebt. „Er hat mich aufgezogen und zu der Frau gemacht, die er wollte.“ Damals, als Jugendliche, war sie von ihrer alkoholkranken Mutter zu ihm geflohen. Auch dort kannte sie Gewalt, schon seit frühester Kindheit. Sie hatte gedacht, dass er ihre Rettung sei. Aber er isolierte sie, machte sie von sich abhängig. „Ich habe gesprochen, gegessen und mit ihm Sex gehabt, wie er das gesagt hat. Ich war ihm hörig.“ Dass sie damals minderjährig war, interessierte keinen.

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          Mit Schule oder Ausbildung war nicht viel, sie arbeitete früh für ihren Mann in Cafés, später auch in einer Kürschnerei. Das Geld nahm er ihr ab. Wenn sie davon erzählt, wird sie wütend. „Ich habe so viel Geld verdient, und es sieht aus, als hätte ich mein ganzes Leben nicht gearbeitet“, sagt sie. Denn meistens waren die Beschäftigungsverhältnisse nicht ganz legal, über Freunde ihres Mannes bei den Hells Angels oder gleich schwarz.

          Ihr Mann manipulierte sie, übte Kontrolle über sie aus. Wie aus einem grausamen Handbuch für Zwangskontrolle hört es sich an, wenn Elena das Verhalten des Mannes beschreibt, den sie damals auch geheiratet hatte. „Er hat mich weggeschmissen und immer wieder zurückgeholt“, sagt sie. Dass sie das mittlerweile so reflektiert erzählen kann, ist einer der Erfolge, den sie durch die Therapie bei der „Starken Bande“ erreicht hat. „Vergessen kann man nicht, aber damit umgehen“, sagt sie.

          Irgendwie setzte die Erkenntnis ein

          Die 15 Jahre, die die Beziehung dauerte, haben tiefe Spuren hinterlassen. Körperlich, denn Elena hat noch heute Schmerzen im Rücken, in den Füßen und Händen von den Schlägen, wie sie sagt. Vor allem aber seelisch.

          Nach drei Jahren auf der Straße gelang es ihr, sich vollends zu befreien. Irgendwie setzte die Erkenntnis ein: Dieser Mann liebt sie nicht. Er ist ihr Untergang.

          Ein Freund half ihr, von der Straße wegzukommen. Sie begann wieder zu arbeiten, zunächst erst mal schwarz, weil ihr Pass abgelaufen war und sie kein Geld für einen neuen hatte. Dann traf sie einen anderen Mann und verliebte sich. Er habe ihr gezeigt, wie eine echte Familie aussieht. Die beiden wurden ein Paar, und nach einiger Zeit war Elena schwanger. „Ich konnte das Baby behalten“, sagt sie und streicht ihrer Tochter über den Kopf, die heute anderthalb Jahre alt ist. Zuvor hatte sie mehrere Fehlgeburten; durch die jahrelange Misshandlung und viele Operationen war ihr Gesundheitszustand schlecht, und sie verlor immer wieder ihr Kind.

          Als ihr Mädchen kam, war sie glücklich, aber auch am Ende. „Ich hatte keine Kraft mehr, war immer krank.“ Ständig hatte sie Albträume, Flashbacks. Sie schlief nicht mehr. Martina Abeln-Schermuly, ihre Therapeutin bei der „Starken Bande“, sagt: „Das sind die klassischen Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung.“

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