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„F.A.Z.-Leser helfen“ : Stark für zwei

„Die haben nicht lockergelassen“

In der Geburtsklinik hatten die Babylotsen mit Elena gesprochen. Das sind qualifizierte Sozialpädagoginnen, die im Auftrag der Stadt versuchen, so früh wie möglich an Familien mit Unterstützungsbedarf heranzutreten. Sie gehören zu den Partnern der „Starken Bande“ und boten ihr Hilfe an, weil sie sahen, dass Elena schwer zu kämpfen hatte. „Die haben nicht lockergelassen“, sagt sie, aber lächelt dabei. Nach einigem Zögern nahm sie an, vielleicht weil sie spürte, dass sie allein nicht mit dem fertig wurde, was sie bis dahin erlebt hatte. Die Babylotsen stellten den Kontakt zur „Starken Bande“ her.

Der riesige Haufen Mist, den ihr Mann ihr hinterlassen hatte, als er sich ins Ausland absetzte, um einer Gefängnisstrafe zu entgehen, schien Elena erst zu groß, um ihn irgendwie aufzuräumen. Sie hatte durch ihn Schulden, er hatte auf ihren Namen Cafés eröffnet und auch in Bulgarien und Griechenland in ihrem Namen Schulden gemacht. Als ihre Tochter geboren wurde, war sie noch verheiratet, das Kind galt also erst einmal offiziell als seines. Sie hat noch immer nicht die Papiere bekommen, die das Gegenteil beweisen und es ihr ermöglichen, einen Pass für das Mädchen zu bekommen, auch wenn die Scheidung mittlerweile durch ist. Der einzige Ausweg, den sie sah, war: abhauen. Irgendwohin, wo sie mit alldem nichts mehr zu tun hätte. Aber das hätte auch bedeutet, dass sie ihrem Kind die Chance nimmt, in Deutschland aufzuwachsen und dort die Möglichkeit eines besseren Lebens zu haben, als sie es hatte.

Also rang sie sich durch, den schweren Weg zu gehen. Mit Hilfe ihrer Therapeutin kümmerte sie sich um die Papiere. Noch immer sind sie nicht vollständig, aber es geht in kleinen Schritten voran. Und sie begann, ihre schwierige Lebensgeschichte zu bearbeiten.

Die Albträume sind weg

Ein Jahr lang dauerte die Therapie. „Das war schon ein Kampf“, sagt Elena. „Wenn Frau Schermuly was gesagt hat, dann hat das manchmal schon gesessen.“ Denn es ging darum, das eigene Verhalten zu begreifen, sich einzugestehen, dass sie manipuliert wurde und in eine Abhängigkeit zu dem Mann geraten war, von der sie glaubte, es sei Liebe.

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Aber Elena wollte sich ändern und ihr Leben für ihre Tochter in den Griff kriegen, so richtig. Anfangs war sie wahnsinnig hektisch und nervös, erinnert sie sich. Inzwischen spricht sie noch immer mit Temperament, aber ist mehr bei sich. Die Albträume sind weg. Und mit ihrer Tochter und ihrem Partner ist sie glücklich. Das Verhältnis zwischen Elena und ihrem Kind ist innig und wirkt sehr gesund. Wer sie trifft, kann das selbst beobachten: Das kleine Mädchen spielt eigenständig, während seine Mutter von ihrer Lebensgeschichte erzählt, kommt aber immer wieder mal zu Elena, um ihr ein Spielzeug zu zeigen oder eine Kuscheleinheit abzugreifen. Die Therapeutin erklärt, dass das ein gutes Zeichen sei: Das Kind fühlt sich sicher und ist dem Alter angemessen selbständig, aber bezogen auf die Mutter.

Seit ein paar Monaten ist die Therapie vorbei. Elena hat nun begriffen. In vielen Gesprächen mit Abeln-Schermuly analysierte sie ihre Traumata, ihre Ängste und Schwächen. Aber auch ihre unglaublichen Ressourcen, die sie selbst zunächst kaum wahrhaben wollte: Elena spricht zum Beispiel sieben Sprachen. „Sie hat eine außerordentliche Resilienz, die ihre Intelligenz widerspiegelt“, sagt Abeln-Schermuly. Resilienz ist psychische Widerstandskraft. So nennen es Psychologen, wenn es Menschen schaffen, sich aus widrigsten Umstände zu befreien. So wie Elena: Auch wenn sie jahrelang verprügelt wurde, keine Familie hatte, die ihr half: Sie gab sich nicht geschlagen.

Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Frankfurter Allgemeine/Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden für die Stiftung „Starke Bande“, die Familien in schwierigen Lebenssituationen durch aufsuchende, individuelle Psychotherapie unterstützt, sowie für das Projekt „Lokale niederschwellige Krisenintervention in Frankfurt“ (Loki) der Universitätsklinik Frankfurt, das Menschen mit Suizidabsichten hilft. Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“ bitte auf die Konten:

- Bei der Frankfurter Volksbank IBAN: DE94.5019.0000.0000.1157.11
- Bei der Frankfurter Sparkasse IBAN: DE43.5005.0201.0000.9780.00

Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Weitere Informationen zur Spendenaktion.

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