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Lernen hinter Gittern : Wie Häftlinge für bessere Chancen pauken

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Insassen müssen arbeiten: Ein Gefangener näht in der Schneiderei der JVA Weiterstadt. Bild: dpa

Arbeiten muss im Gefängnis jeder. Es gibt aber die Möglichkeit, zunächst einen Schulabschluss zu machen. Hunderte Gefängnisinsassen nutzen jedes Jahr diese Chance, um in einem Leben außerhalb der Zelle wieder besser Fuß zu fassen.

          Oskar sitzt in einer kleinen Werkstatt und schneidert. Durch die großzügigen Fenster strömt Licht in den Raum. Nach draußen gehen kann Oskar aber nicht, zumindest nicht die nächsten 41 Tage. Der Weg in die Freiheit ist ihm versperrt von verschlossen Stahltüren, riesigen Gitterzäunen und einer sechs Meter hohen Mauer mit Stacheldrahtverhau. Oskar möchte seinen richtigen Namen nicht nennen, er schneidert in der Vollzugsanstalt Weiterstadt - als Häftling.

          Wie er möchten viele wieder in Lohn und Brot, wenn sie ihre Zelle und das Leben hinter Gittern hinter sich lassen. „Eigentlich bin ich Bäcker“, sagt Oskar. Jetzt arbeitet er in der Produktion von Häftlingskleidung. Unter seinen Kollegen sind auch verurteilte Straftäter, die derzeit eine Qualifizierung zum Änderungsschneider machen. Sie wollen nach ihrer Gefängnisstrafe auf dem Arbeitsmarkt wieder Fuß fassen.

          Köche, Metalltechniker, Bäcker oder Mechaniker: In hessischen Gefängnissen nahmen im vergangenen Jahr 1371 Häftlinge an einer beruflichen Fortbildung teil. 690 von ihnen machten im gleichen Jahr einen Abschluss. Insgesamt gibt es 16 Gefängnisse und eine Jugendarrestanstalt im Land mit mehr als 5000 Haftplätzen. Derzeit sind dem Justizministerium zufolge rund 4500 Menschen inhaftiert.

          Vom Europäischen Sozialfond finanziert

          In Weiterstadt, wo fast 600 Straftäter mit langjährigen Haftstrafen einsitzen, laufen derzeit unter anderem Qualifikationsprojekte für Änderungsschneider und Fachlageristen. 16 Ausbildungsplätze gibt es alleine hier, die vom Land und vom Europäischen Sozialfond (ESF) finanziert werden, sagt Justizstaatssekretär Thomas Metz bei einem Besuch in dem Gefängnis am Donnerstag. Von den 148.000 Euro Kosten würden 70. 000 aus dem Brüsseler Finanztopf kommen.

          Mit dem ESF stellt die Europäische Union zwischen 2014 und 2020 rund 80 Milliarden Euro für die Förderung von Beschäftigung und sozialer Eingliederung bereit. Für hessische Projekte sind 172 Millionen vorgesehen, unter anderem für die gesellschaftliche Wiedereingliederung von Straftätern.

          „Die Qualifizierung ist für Häftlinge sehr wichtig“, sagt Metz. Man müsse in Gefängnissen die Sicherheit gewährleisten, aber auch darauf hinwirken, Häftlinge nach ihrer Entlassung wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Drogenmissbrauch, schlechte Leistung oder komplettes Versagen in der Schule, Gewaltexzesse oder kriminelle Karrieren - für viele Gefangene ist die Ausbildung auch Bestätigung für ihr Ego.

          Eine wichtige Chance für Sträflinge

          „Es ist wichtig, dass sie die Chance haben, eine Ausbildung zu Ende zu bringen“, sagt Franz Josef Schatz vom Berufsfortbildungswerk des DGB. Für sie sei es eine Bestätigung, dass sie etwas geschafft hätten, was man ihnen bislang nicht zugetraut habe.

          Die Chancen, nach einer Aus- oder Fortbildung nach der Gefängnisstrafe auch wieder Arbeit zu bekommen stehen nicht schlecht, glaubt Schatz. Zudem werden die Häftlinge auch noch während der Ausbildung begleitet. „Wenn wir feststellen, dass jemand in Deutsch oder Mathe wackelig ist, dann nehmen wir ihn zur Seite“, sagt Anika Uhden vom pädagogischen Dienst in der JVA Weiterstadt. Geholfen werde auch bei den Bewerbungen und es gebe Trainingsprogramme für Vorstellungsgespräche. Wichtig sei allerdings Ehrlichkeit - die Vorstrafe sollte nicht verschwiegen werden.

          Die Ausbildung läuft dabei genauso ab wie auf der anderen Seite der Gefängnismauern. Die Berufschullehrer kommen von draußen, die Prüfer kommen von draußen und das ganze Programm wird zusammen mit den Industrie- und Handelskammern getragen. Bei allen Erfahrungen, die man mit Fort- und Weiterbildung gemacht habe ist sich Schatz auch sicher: „Wer eine Qualifizierung in der Haft gemacht hat, dessen Rückfallquote sinkt um die Hälfte.“

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